Leben ohne Dich - Für Aaron


Aaron


Am Morgen des 26.06.05 wurde ich ca. gegen 5:30 Uhr von Wehen im Abstand von ca. 5 Minuten geweckt. Ich bin in Ruhe aufgestanden und habe Kaffee gekocht. Als er fertig war, habe ich eine Tasse getrunken und gegen 6 Uhr meinen Mann Ralf geweckt.

Wir tranken noch zusammen Kaffee und dann habe ich gesagt: "Die Wehen kommen jetzt im Abstand von 3 Minuten, lass uns lieber fahren." Bevor wir fuhren, hat Ralf meine Mutter geweckt (die zu Besuch da war) um ihr Bescheid zu sagen.

Wir sind Punkt 6:30 Uhr von zuhause los gefahren. Es war Sonntagmorgen und die Straße leer. Wir waren spätestens um 6:40 Uhr im Krankenhaus. Ich klingelte am Kreißsaal und die Türe wurde von der Hebamme und der diensthabenden Ärztin geöffnet.

Wir wurden mit den Worten begrüßt: "Ach du Sch..., noch eine, da müssen wir erst mal einen Kreißsaal freimachen." Es gab dort fünf Kreißsäle und alle waren besetzt. Wir mussten ca. 10 - 15 Minuten im Gang warten und das, obwohl ich mich jetzt kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Als endlich einer frei war, wurde uns gesagt, wir könnten durchgehen. In dem Moment war der Schmerz so schlimm, dass ich in die Knie gegangen bin. Worauf mich die Ärztin anschrie: "Dann müssen Sie gefälligst eher kommen."

Irgendwann bin ich endlich in dem KS angekommen und musste mich ausziehen. Die Hebamme versuchte das CTG anzuschließen, aber sie fand keine Herztöne. Sie drückte es Ralf in die Hand und sagte: "Suchen Sie mal, ich muss nach nebenan." Ralf war gar nicht wohl dabei, da wir uns darauf geeinigt hatten, dass ich alleine bin bei der Geburt. Er versuchte zu grinsen und sagte: "So'n Mist, ich glaube ich muss es alleine holen."

Der Schmerz wurde immer schlimmer und ich habe gesagt: "Ralf, es tut so weh, da stimmt was nicht." Die Hebamme kam wieder und guckte nach dem Muttermund, der war aber erst 2 cm offen. Sie überlegte die Fruchtblase zu sprengen, ging dann aber wieder raus.

Nach einer Weile kam sie wieder wegen des CTG's, doch Ralf hat es nicht hinbekommen und mittlerweile habe ich mich nur noch hin und her gewälzt vor Schmerzen. Sie hatte wieder nichts gefunden... Irgendwann kam die Oberärztin, durch Zufall eine halbe Stunde vor ihrem Dienstbeginn. Sie kam in den Kreißsaal und probierte das CTG erneut anzulegen.

Als auch sie nichts fand, wurde sie sehr hektisch und schrie nach dem Dopplersono. Als sie diesen endlich hatte, war dort eine Herzfrequenz von 36 darauf, worauf sie sofort schrie: "Notsetio"...

Ich bekam panische Angst als ich in den OP geschoben wurde. Das nächste, woran ich mich erinnere: ich werde wach, Ralf neben mir und ein Arzt und die Oberärztin. Ich nahm nur Fetzen wahr wie: "Seien Sie froh, Sie haben drei lebende gesunde Kinder, die brauchen Sie" und so etwas.

Ich wusste doch gar nicht, was los war. Irgendwann habe ich es verstanden: meine Plazenta hatte sich vorzeitig gelöst und Aaron kam tot auf die Welt. Ich war fertig. Es hat noch eine Ewigkeit gedauert bis ich begriffen hatte, dass der Kinderarzt ihn wiederbelebt hat und mein Sonnenschein auf der Intensivstation lag und auf den Transportwagen der Uni Köln wartete.

Ich habe mich sofort zu ihm bringen lassen um ihn zu sehen. Wir durften 5 Minuten bei ihm bleiben und dann wurde ich zurück gebracht. Die folgenden Stunden waren wie ein Alptraum. Am Montag den 26. sind wir direkt nach Köln gefahren um Aaron zu sehen. Es war entsetzlich ihn an all den Kabeln und Schläuchen zu sehen und ich habe die ganze Zeit nur geweint.

Die Ärzte in Köln haben uns von Anfang an keine Hoffnung gemacht, da sein Gehirn keinerlei Funktionen zeigte. Er wurde in ein künstliches Koma gelegt was aber auch nicht die erwünschte Erwartung gebracht hat. Wir waren jeden Tag bei ihm und Ralf sogar in der Nacht.

Am 01.07.05 haben wir ihn nottaufen lassen, da es sehr schlecht um ihn aussah. Er hat aber gekämpft. Am 07.07. hat die Intensiv eine Ethikkommission einberufen um zu diskutieren, wie es mit Aaron weiter gehen soll. Ralf und ich waren verzweifelt, da wir nicht wussten wie wir uns entscheiden sollten.

Am 08.07. wurde uns dann mitgeteilt, dass es für Aaron keinerlei Besserung geben wird, weder jetzt noch nächstes Jahr noch überhaupt. Am besten hat es uns Anne-Katrin erklärt, begreiflich für uns... Unser Sohn würde immer nur im Koma liegen, nie riechen, fühlen, schmecken, schreien, uns niemals angucken. Er wäre ein Engel in einem leblosen Körper (Ich danke ihr für alles und den Ärzten in Köln auch, sie waren rührend um Aaron und uns besorgt).

Am 09.07. haben wir uns der Meinung der Ärzte und Schwestern angeschlossen und alle Lebenserhaltungsmaßnahmen entfernen lassen. Anne-Katrin ermöglichte es uns noch eine Weile mit Aaron spazieren zu gehen (zum ersten und letzten Mal). Ein Stück Normalität.

So gegen 20:30 Uhr ist Aaron friedlich in meinem Arm eingeschlafen, da hat ihn sein Engel geküsst... Ich bin noch ca. 2 Stunden bei ihm geblieben, habe ihn mit angezogen und fertig gemacht, seinen Elefanten in den Arm gelegt und bin gegangen.

Da stand ich nun vor der Tür der Intensiv und wusste gar nicht wohin... Ralf hat mich aufgefangen... Am Sonntagmorgen habe ich es den Kindern mitgeteilt, die total fertig waren!

Tim hat nur geschrien: "Und Ihr seid das schuld, dass ich mein Aaronbaby nie niemals sehen durfte..." Das tut so weh... Doch wie soll ich es einem 3-Jährigen erklären was wir selber nicht verstehen???

Sein Taufspruch: "Der Herr sprach zu Mose: ...und Aaron dein Bruder soll mein Prophet sein" (2. Mose 7,1). Wir hoffen, dass er uns verzeiht, dass wir ihn baten zu kämpfen, wir haben erst später erkannt, dass lieben auch heißt loszulassen...

Ich denke, er hat es bei all den anderen Sternenkindern gut und vielleicht ist er der Schutzengel seiner drei Geschwister: Julia, 12, Ina, 5, Tim, 3 Jahre. Ich hoffe es.

Auch möchte ich meiner Frauenärztin danken, die mich nicht nur in der Schwangerschaft liebevoll umsorgt hat, sondern sich bis heute immer nach mir (uns) erkundigt.
 

Aaron
 



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