Leben ohne Dich - Für Alexander



Alexanders Geschichte

Alexander


Der 19. September 2003, ein Freitag. Unser Sohn hatte einen Schulausflug. Ich witzelte morgens noch und meinte zu ihm: "Gerade sind wir aus dem Urlaub zurück und nun hast du gleich einen Schulausflug."

Kurz nach 9:00 Uhr erreichte mich dann der Anruf seiner Lehrerin, die mir mitteilte, dass Alexander beim Ausflug zusammengebrochen sei. Mein Mann und ich fuhren sofort hin und nahmen ihn mit. Unser Sohn war immer kerngesund, ab und an mal ne Erkältung, mit der er aber auch rumflitzte und keinesfalls im Bett bleiben wollte. Besorgt suchte ich unseren Hausarzt auf, der ihn untersuchte, ein EKG machte und Blut entnahm.

Nach dem Arztbesuch fuhren wir heim. Alexander war wieder munter, sprang rum, als wenn nichts gewesen wäre.


Alexander


Gegen 19:00 Uhr, ich bereitete gerade das Abendessen zu, erreichte uns der Anruf des Hausarztes, der uns dringend riet, sofort mit Alexander eine Kinderklinik aufzusuchen.

Ich sehe es heute noch, als wäre es gestern gewesen. Alexander kam die Treppe runter und fragte mich, ob er jetzt sterben müsse? Hatte er es in diesem Moment schon gewusst?

Wir fuhren sofort in die Kinderklinik. Dort wurde Alexander gründlich untersucht. Noch mal Blutabnahme, Ultraschall etc. Nach den Untersuchungen bekam unser Sohn ein Zimmer zugewiesen. Seine Schwester musste vor der Station sitzen bleiben, weil sie zu dem Zeitpunkt erst 9 Jahre alt war. Wir blieben noch ein paar Stunden bei Alexander und fuhren dann mit seiner Schwester heim. Es wurde kaum gesprochen, jeder war wie betäubt, hing seinen Gedanken nach. Nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte, setzte ich mich an den Computer, weil bei den Untersuchungen das Wort "Leukämie" fiel. Niederschmetternd was ich da las.

Am nächsten Morgen fuhr ich gleich wieder in die Klinik, Alexander lag in einem anderen Zimmer, ein Zimmer mit Elternbett. Ich musste sofort eine Einwilligung unterschreiben, weil unser Sohn dringend Thrombozyten benötigte. Nach der Gabe ging es Alexander besser, zumindest körperlich. Er war verzweifelt, weinte viel, fragte mich, was er denn habe? 100-prozentig wusste ich es selbst ja nicht. Das Gespräch mit dem Oberarzt war für Sonntag abgesetzt.

An diesem Sonntag wurde uns dann gesagt, dass unser Sohn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Leukämie habe. Ganz genau wisse man das nach der Lumbalpunktion, die für den nächsten Tag angesetzt war und die Diagnose bestätigte.

Es hieß, dass, wenn keine Komplikationen einsetzen, die Chemotherapie rund 6 Monate dauern würde.


Alexander


Wie bringt man einem 11-jährigen Jungen bei, dass er mindestens 6 Monate in einem ca. 12 qm großen Raum verbringen muss, ohne seine Freunde? Nur mit seinen Eltern, Schwester (in solchen Situationen gibt es Ausnahmen und die Geschwisterkinder dürfen, wenn sie gesund sind mit ins Krankenzimmer), Ärzten und dem Pflegepersonal? Wir waren ehrlich zu ihm, er sollte wissen, dass wir seine Verzweiflung verstehen konnten. Er sollte nicht das Gefühl haben, um uns zu schonen, vielleicht nicht mit uns über seine Ängste reden zu können.

Es war die richtige Entscheidung, weil sich Alex nach ein paar Wochen Klinikaufenthalt bei mir bedankte, dass wir ihn nicht anlügen.

Zwischen den einzelnen Chemoblöcken durfte Alexander immer mal wieder mal heim. Das waren wohl die glücklichsten Tage für die ganze Familie. Dann bekam er auch mal Besuch von der anderen Verwandtschaft, die dann selbstverständlich einen Mundschutz trugen. Oder er konnte kurze Spaziergänge machen im Wald, bei denen er dann den Mundschutz trug. Er genoss es, sein Lieblingsessen zu bekommen. Ja, er genoss auch die kleinen Streitereien mit seiner Schwester.

An diesen Tagen waren wir fast eine ganz normale Familie. Das Gespenst "Leukämie" machte sich erst sonntags nach dem Mittagessen breit, weil er ja nachmittags wieder in die Klinik musste.

Die Chemotherapie schlug bei Alexander sehr gut an, nach einer Weile waren fast keine Blasten mehr zu finden. Er war sehr tapfer, ertrug die Schmerzen und die Übelkeit. Hielt sich an den 6 Monaten fest, rechnete sich aus, dass er dann ja an seinem Geburtstag, den 29. März wieder daheim sein müsse. Weihnachten und Silvester 2003 verbrachte Alexander auch Zuhause, die schönsten Feste, die wir als Familie bis dahin erlebt hatten.

Seinen Geburtstag konnte Alexander leider nicht daheim mit seiner Schwester, die am gleichen Tag Geburtstag hat, feiern. Zwischendurch musste in der Behandlung Pause gemacht werden, weil seine Werte nicht der Norm entsprachen, damit man die Behandlung fortsetzen konnte. Laut den Ärzten würden wohl aus den 6 Monaten 8 werden. Unser Sohn nahm die Nachricht tapfer auf. Er besserte den Zettel der über seinen Bett hing aus. Ursprünglich hatte er geschrieben: Was sind schon 6 Monate gegenüber meinem ganzen Leben!?!

Anfang April verschlechterten sich seine Blutwerte dramatisch, er hatte Durchfall, Bauchweh und erbrach sich sehr oft. Die Ärzte konnten sich nicht so recht erklären, woher das kam, Blasten waren kaum noch welche in seinem Blut. Unerklärlich.

Am 3. April wurde unser Sohn auf die Intensivstation verlegt. Dort stellte man fest, dass Wasser in der Lunge war, die Lunge durch eine Pilzinfektion angegriffen war, und dass Alexander eine Escherichia-Coli-Bakterienvergiftung hatte. Man sprach davon, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen sollten, dass nur noch Alex sich selbst und Gott ihm helfen könne. Unser Sohn bekam von all dem nicht viel mit, er war, auch mittels Medikamente, in einem Dämmerzustand, damit sich sein Körper erholen konnte.

Alexander hat gekämpft. Er durfte am 13. April die Intensivstation wieder verlassen und in sein altes Zimmer zurück.

Die Chemotherapie wurde natürlich schon ab dem 3. April abgesetzt und bis zu seinem Tod nie wieder aufgenommen, weil zunächst die Lunge vollkommen geheilt sein musste.

In den folgenden Wochen wurde Alexanders Körper förmlich vollgepumpt mit Antibiotika, aber sämtliche Medikamente schlugen nicht so recht an. Unser Sohn wurde immer schwächer, aß kaum was, bekam daher per Infusion seine Nahrung. Das Ziel, nach 8 Monaten heim zu kommen, war in weite Ferne gerückt. Alexander hatte sich wohl auch inzwischen selbst aufgegeben und alles gute Zureden hat nicht geholfen. Ich glaube, er hatte genug von den Schmerzen, den vielen Rückschlägen im Behandlungsplan und der Isolation. Inzwischen durfte er auch noch kaum heim und wenn, dann nur stundenweise, weil die Infusionen ja wieder angeschlossen werden mussten.

Am 23. Juni kam er wieder auf die Intensivstation, weil sein Kreislauf vollkommen zusammen gebrochen ist. Wieder konnte sich keiner den Rückschlag erklären, für den 24. Juni war eine Knochenmarkpunktion angesetzt, weil man prüfen wollte, ob er ein Rezidiv hatte. Man fand aber keine Blasten in seinem Blut, keine Rückkehr der Leukämie.


Alexander


Wir redeten sehr viel mit Alexander, motivierten ihn noch einmal zu kämpfen, schmiedeten Pläne mit ihm. Er hörte zu, zeigte aber so gut wie keine Reaktion, nicht ein kleines Lächeln kam über seine Lippen. Er hatte wohl mit seinem Leben abgeschlossen.

Dann kam der 25.06.2004, Alexanders letzter Tag. Als wollte er diesen letzten Tag noch mal mit mir genießen, verlangte er seit Wochen nach einem Toastbrot zum Frühstück und bestellte sich zum Mittagessen Milchreis. Wir verbrachten den Tag friedlich zusammen. Ich las ihm aus einem Harry Potter Band vor und fütterte ihm den Milchreis.

Gegen 15:30 Uhr hörte ich die letzten Worte meines Sohnes: "Mama ich hab dich lieb, aber jetzt bin ich müde." Er drehte sich zur Seite und fast im selben Augenblick ging der Alarm an den Monitoren los. Ich wurde rausgeschickt und saß nur noch betend im Flur. Später kamen die Ärzte und teilten mir und meinem Mann, der inzwischen gekommen war, mit, dass Alexander um 17:23 Uhr verstorben sei.

Offizielle Todesursache: Eine nicht vorhersehbare Schädigung des Leitungssystems im Herzen, die wahrscheinlich auf die vorausgehende Chemotherapie zurückzuführen ist.

Mein Mann und ich besuchten Alexander nach seinem Tod und ich war beruhigt, dass ich in ein friedliches, entspanntes Gesicht sehen konnte. Er war jetzt in einer besseren Welt!


Alexander
 



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