Leben ohne Dich - Für Christian



Das kurze aber intensive Leben von Christian

Christian wurde am Freitag den 13. August 1982 um 6:34 Uhr im KKH Lauf geboren. Er war ein absolutes Wunschkind. Er wurde zwar mit der Saugglocke geholt, aber gesund und munter mit 52 cm und 3200 g.

Chris war immer ein munteres Kerlchen. Wo immer es was zu erleben gab, oder man sich Schrammen, Verletzungen oder Krankheiten holen konnte, war er mit vorne dabei.

Mit drei Jahren hatte er eine Gehirnhautentzündung. Damals dachte ich, oh Gott das überlebe ich nicht wenn er stirbt. Aber Dank unseres Kinderarztes, der wirklich schnell und sicher reagierte, hatten die Ärzte im Krankenhaus es gut im Griff. Nach zwei Wochen durften wir gesund wieder nach Hause.

Zwei Tage vor seinem 5. Geburtstag kam seine Schwester Tanja zur Welt (Geburtstermin war ebenfalls der 13.08.). Den Namen hatte er ausgesucht. Er hat sich gerne die Lindenstraße angeguckt und die Tanja Schildknecht hat ihm so gefallen, dass er sein Schwesterla unbedingt so nennen wollte.

Er war ein wirklich aufmerksamer und lieber Bruder. Natürlich gab es auch Streit, aber er hat sie immer beschützt vor allem und jedem.

Nach drei Jahren Kindergarten wurde er mit sieben Jahren dann eingeschult, und da hab ich das erste Mal so was wie Angst in seinen Augen gesehen.

Irgendwie war ihm die Lehrerin nicht ganz geheuer und das ist die ersten zwei Jahre auch so geblieben. Ab der vierten Klasse hatte er dann eine wirklich liebe und gute Lehrerin und von da an machte ihm die Schule großen Spaß. Dann sollte er die Realschule besuchen, aber weil sein Freund nicht mitging, ging er auch nicht.

Seine Freunde gingen ihm immer über alles. Er war immer für alle da, die ihn brauchten.

Er schloss die Hauptschule mit einem sehr guten Quali ab und lernte dann das Schreinerhandwerk. Dieser Beruf machte ihm sehr viel Spaß. Nach der Lehre wurde er leider nicht übernommen und so beschloss er gleich zur Bundeswehr zu gehen.

Im Alter von 14 Jahren hatte er eine sehr schwere Zeit. Ich ließ mich von seinem Papa scheiden. Es war auch für mich eine sehr schlimme Zeit. Obwohl er mich beschützte und mich immer tröstete, blieb er nach der Scheidung bei seinem Vater. Das war sehr schmerzhaft für mich und seine Schwester. Später einmal, nach ein paar Jahren, hat er mir anvertraut, dass sein Vater gedroht hatte sich umzubringen wenn er nicht bei ihm blieb.

"Mama das musst Du doch verstehen, das konnte ich doch nicht zulassen."

Ja, so war er. Er hat immer erst an andere gedacht. Denn es ging ihm nicht gut in dieser Zeit bei seinem Papa. Der hatte eine neue Freundin und die mochte ihn überhaupt nicht.

Aber seine letzten zwei Jahre war er dann bei uns. Und wir genossen diese Zeit. Auch seine Schwester war überglücklich, hatte sie jetzt endlich ihren großen Bruder bei sich.

Ab dem Jahr 2000 war dann irgendwie der Wurm drin. Im April 2000 starb ganz plötzlich meine Schwester im Alter von 54 Jahren, sie war Chrisis absolute Lieblingstante. Dann im August 2002 starb auch noch ihr Mann und wurde an Christians 20. Geburtstag beerdigt. Von da ab sprach er immer wieder vom Tod.

So sagte er am Tag der Beerdigung zu mir: "Bitte Mama, wenn ich sterbe, lass nicht so eine traurige Musik spielen. Ich möchte meine Lieblingslieder hören, und ich möchte auch so einen schönen einfachen schlichten Grabstein haben". (Der Grabstein hat die Form eines Kreuzes.) Und diesen Wunsch hab ich ihm dann auch erfüllt.

Mein letzter Tag mit meinem Sohn war eigentlich ein schöner Tag. Freitag der 24.01.03, Gott sei Dank Wochenende. Tanja und ich hatten ein Kegelturnier am Abend und Chris wollte mit seinen Kumpels weg. Plötzlich sagte er zu uns: "Ich glaub, ich schau mir das Kegelturnier an, wer weiß wann ich mei Schwesterla mal wieder spielen seh." Gesagt, getan und weil er sich noch was zum Essen bestellte, hatte ich das Glück, dass er auch mir zusah. Als ich mit dem Spielen fertig war, nahm er mich in den Arm, wirbelte mich herum und küsste mich vor allen anderen Leuten. Das hatte er schon ewig nicht mehr gemacht. Er verabschiedete sich noch von uns, ich sagte wie immer, pass gut auf Dich auf und fahr nicht mehr mit dem Auto wenn Du was getrunken hast. Sätze, die ich jedes Mal sagte wenn er unterwegs war. Darauf schaute er mich ganz ernst an und sagte: "Ich fahre nicht mit meinem Auto wenn ich getrunken habe." Das hat er auch nicht getan, er ist das Auto von seinem Freund Coach gefahren!

Was dann passierte, kann ich nur nach Aussagen von anderen wiedergeben.

Chris war mit seiner Freundin und ein paar Kumpels in einer Pilsbar. Er hatte getrunken. Später kam sein Freund Coach noch dazu. Auch er war nicht mehr nüchtern. Plötzlich fiel es den beiden ein in die Tschechei zu fahren um Zigaretten zu holen. Christian wollte aber nicht mit seinem Auto fahren, das war schon ziemlich alt und so meinte Coach, wir fahren mit meinem Auto, aber du musst fahren.

Chris war um 0:31 Uhr noch am Bankautomat um Geld abzuholen, und Coach war noch mal zu Hause um seinen Personalausweis zu holen.

Dann haben sie die ganze Strecke von Lauf bis nach Waidhaus zurück gelegt ohne dass irgendetwas passierte. An der Grenze von Waidhaus ist es dann passiert. Laut Polizeibericht scherte ein LKW aus einer Warteschlange aus um seinen Vordermann zu überholen. In dem Moment kamen Chris und Coach an der Schlange an. Es muss wohl ein Sekundenschlaf gewesen sein. Er ist ungebremst in den LKW gefahren.

Chris muss auf der Stelle tot gewesen sein, sein Freund Coach wurde noch ins Krankenhaus gebracht, wo er dann zwei Stunden später verstarb.

Am Samstag um 6:15 Uhr schellte es Sturm. Ich wurde wach und dachte mir noch, jetzt hat er wieder keinen Schlüssel dabei (dachte da sofort an meinen Chris). Ich öffnete die Tür und mein Exmann stand vor mir. Da wusste ich, irgendwas ist passiert.

Chris war immer noch bei seinem Vater gemeldet. Drum wurde er von der Polizei informiert.

Was danach geschah weiß ich nicht mehr.

Die Woche bis zur Beerdigung, ich weiß nicht wie ich das geschafft habe. Chris wurde am darauf folgenden Donnerstag von Waidhaus nach Lauf gebracht und am Freitag war die Beerdigung.

Ich wollte ihn unbedingt noch sehen, ich musste mich doch von ihm verabschieden. Doch sie ließen mich nicht.

Der Bruder von Chris' Freund musste nach Waidhaus und musste seinen Bruder identifizieren. Er sagte dann zu mir, behalt ihn so in Erinnerung wie Du ihn zuletzt gesehen hast.

Aber im Nachhinein muss ich sagen, es war ein Fehler. Es verfolgt mich, es tut weh. Ich hätte ihn gerne noch mal gedrückt, ihm gesagt wie sehr ich ihn liebe und brauche.

Ich habe sehr lange immer den Gedanken gehabt, das war nicht Dein Sohn in dem Auto. Ich wollte es nicht wahr haben. Ich konnte es einfach nicht glauben.

Ich hatte sehr große Angst der Mutter von Coach gegenüber zu treten. Doch am Dienstag rief mich die Schwester von Coach an und sagte, wir haben das gleiche Leid zu tragen. Sie gaben meinem Chris keine Schuld. So trafen wir uns und wollten unsere Jungs gemeinsam beerdigen lassen.

Das war trotz allem ein Trost für mich. Wir suchten eine Stelle für das Grab aus, sie liegen sich jetzt gegenüber.
 



Home  |  Zurück  |  Seitenanfang