Leben ohne Dich - Für Christin & Pascal

Pascal



Pascal ist mein ältester Sohn – als er am 25. August 1990 geboren wurde, dachte ich noch, dass ich der glücklichste Mensch wäre. Und als dreieinhalb Jahre später seine kleine Schwester Christin dazu kam, war eigentlich alles perfekt. Na ja – meine Ehe hätte besser laufen können, aber man kann ja bekanntlich nicht alles haben.

Der erste Schlag kam im November 1997 – da erfuhr ich, dass mein Mann an Nierenkrebs erkrankt war. Es war von vornherein klar, dass es keine Chance gibt – der Krebs hatte schon gestreut, Metastasen in der Lunge und den Knochen, sie wanderten die Wirbelsäule hoch.

Am 19.08.1998 hat er den Kampf verloren – am Tag vor Pascals 8. Geburtstag wurde er beerdigt.

Ich bin relativ schnell wieder eine Beziehung eingegangen – die Kinder verstanden sich einfach nur super mit ihm. Wir haben sehr schnell ein Haus zusammen gebaut und dachten, dass nun auch für uns wieder die Sonne scheinen würde.

Was für ein Trugschluss – nur neun Monate nach unserem Einzug ist Christin (zu dem Zeitpunkt sechseinhalb Jahre alt) beim Spielen vor ein Auto gelaufen ca. 300 m von unserem Haus entfernt.

Ich war noch vor der Polizei und den Rettungskräften am Unfallort ... sie war bewusstlos und kämpfte um ihr noch so junges Leben. Am Hubschrauber musste ich mich von ihr verabschieden – als ich sie spät abends im Krankenhaus wiedersah, wusste ich bereits, dass sie Hirntod ist. Zwei Tage später wurden die Maschinen abgeschaltet.

Pascal ist nie darüber hinweggekommen, dass er seine geliebte kleine Schwester verloren hat – er hat sich immer die Schuld an ihrem Tod gegeben, weil er nicht da war, so wie er es vorher versprochen hatte. Und anscheinend habe ich es nicht geschafft, ihm diese Schuldgefühle zu nehmen.

Drei Wochen nach ihrem Unfall wurde Pascal 10 Jahre alt und einen Tag später hätte Christin eingeschult werden sollen.

Irgendwie ging es weiter – bis zwei Jahre später der nächste Hammer kam und Pascal wohl vollends das Vertrauen in die sogenannten Erwachsenen verlor. Er wurde von dem Ex-Schwager meines verstorbenen Mannes sexuell missbraucht. Er war gerade erst zwölf Jahre alt.

Danach hat er sich sehr verändert – er wurde immer schwieriger. Wenn es irgendwo Ärger gab, war er garantiert dabei, auch wenn er nicht direkt damit zu tun hatte. Auch kam er mit zum Glück nur leichten Drogen in Berührung.

Wenn ich zu Anfang noch froh darüber war, wie selbstständig er doch war, war es doch jetzt ein Problem, denn er ließ sich leider nicht mehr allzu viel sagen. Trotz allem hatte er einen riesigen Freundeskreis, war immer für jeden da.

Dann ging auch noch meine Beziehung in die Brüche – ich kann noch nicht einmal sagen warum. Auch daran hatte er sehr zu knabbern. Mit meinem jetzigen Lebensgefährten kam er mal mehr mal weniger gut aus. Erst war es ihm ungeheuer peinlich, als er erfuhr, dass noch mal Nachwuchs unterwegs war – nachher war er der stolzeste große Bruder überhaupt.

Er hat sich unheimlich liebevoll um Maurice gekümmert, und als ich kurz darauf noch mal schwanger wurde, und mir alles schwer fiel, hat er mich so wahnsinnig toll unterstützt. Und als ich dachte, jetzt hat er es endlich geschafft und ist aufgewacht, will aus seinem Leben etwas machen, ist alles vorbei ...

Marcel war gerade mal sechs Wochen alt, als die nächste Horrornachricht kam. Am 01. Februar 2007 klingelt es früh gegen halb fünf Sturm bei uns. Bekannte von ihm informieren mich, dass er mit seinem besten Freund (sie kennen sich seit dem Kindergarten) einen Unfall hatte.

Ich bin sofort dort hingefahren, aber man hat mich vorher abgefangen und in einen Krankenwagen gebracht, sagen wollte man mir nichts. Es hieß immer wieder, die Ärztin würde gleich kommen und mit mir sprechen.

Tief im Innern war mir aber schon klar, was man mir sagen würde. Irgendwann kam dann über Funk die Durchsage, dass die Notfallseelsorgerin unterwegs sei – damit haben sich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Später hat man sich bei mir dafür entschuldigt, dass ich es auf diese Weise erfahren habe.

Kurz danach rief mich mein Lebensgefährte an, und fragte, wann der Kleine wieder mit der Flasche dran wäre und wie er sie zubereiten müsste, und was denn jetzt wäre. Ich sagte zu ihm: Pascal ist tot!

Er hielt es für einen Scherz und die Verbindung brach ab. Erst als ich ihn zurückrufen konnte, verstand er, was passiert war. Aber für Pascal konnten wir nichts mehr tun, also habe ich ihm über das Handy Anweisung gegeben, wie er die Flasche zubereiten muss. Ich weiß nicht, wo ich die Kraft hergenommen habe.

Später habe ich die Ärztin gefragt, ob ich Pascal noch sehen dürfte und ob er entstellt wäre. Ich durfte und bin froh darüber – er sah so friedlich aus, als ob er schlief.

Sebastian, der Fahrer, war vor dem Aufprall aus dem Auto geschleudert worden – hatte "nur" Prellungen und Abschürfungen. Mit ihm habe ich noch kurz im Krankenwagen "sprechen" können. Er wollte einem Ast ausweichen und hat die Kontrolle verloren – das Auto hat sich dann um einen Baum gewickelt.

Die Fahrerseite war völlig eingedrückt, dort hätte keiner überleben können – und die Beifahrerseite war total unversehrt. Doch mein Sohn ist TOT!!!

Die Tage danach liefen ab wie in einem Film. Auf der Beerdigung waren fast 400 Menschen – vor allem viele seiner Freunde.

Er hat eine riesige Lücke hinterlassen, die nie wieder zu füllen ist. Freunde haben ihm eine Gedenkseite gewidmet und auch Lieder für ihn schrieben – ich danke Euch dafür.

Meine lieben beiden Süßen ...

Ihr seid einfach nur einzigartig und werdet immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Ich liebe Euch über alles.

Eure Mum

Pascal
 

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