Leben ohne Dich - Für Christina




Liesa

Liesa


Christina

Christina




Liesa und Christina 1998

Liesa und Christina 1998










Peter, Liesa und Christina

Peter, Liesa und Christina



































































































































Christinas letztes Weihnachtsfest (1999)

Christinas letztes Weihnachtsfest (1999)


















































































































































































Christina nach ihrem Tod zuhause

Christina nach ihrem Tod zuhause 2000

Christina nach ihrem Tod zuhause 2

Christina nach ihrem Tod zuhause




Vor der Beerdigung

Vor der Beerdigung




Christinas Grabstein

Christinas Grabstein


Am 25.04.1997, nachdem ich 9 Wochen im Krankenhaus war und Angst haben musste meine Babys zu verlieren, sind sie in der 29. SSW zur Welt gekommen. Liesa wog 705 g und Christina 1070 g. Die Frühgeburt wurde durch die Folgen des FFTS (Feto - Fatales - Transfusions - Syndrom) erzwungen.
Am 22.07.97 durften wir unsere Babys (Liesa mit 2450 g und Christina mit 3050 g) mit nach Hause nehmen. Von da an, waren wir die glücklichste Familie der Welt.
Durch die viele Angst, die wir hatten (in der Schwangerschaft und nach der Geburt), wurde unsere Beziehung zueinander viel enger, liebevoller und intensiver. Wir waren wie aneinander geschweißt. Ich habe sie nie alleine gelassen, ein Babysitter kam für mich nicht in Frage, entweder fuhren wir zusammen oder gar nicht fort. Liesa und Christina waren nie voneinander getrennt und es war immer Mama oder Papa bei ihnen. Wir bezeichneten uns immer als die glücklichste und stolzeste Familie der Welt und glaubten fest daran, dass uns nichts und niemand trennen oder unglücklich machen kann.

Sie waren zwei sehr glückliche und unkomplizierte Kinder. Sie machten mir nie große Arbeit und waren sehr schnell zufrieden zu stellen. Als sie am 22.07.1997 aus dem Krankenhaus entlassen wurden, schliefen sie schon jede Nacht durch. Sie weinten nur, wenn sie riesigen Hunger hatten. Mit Bauchschmerzen oder ähnlichem hatten sie nie Probleme. Alles verlief wie im Bilderbuch. Liesa und Christina machten immer alles zusammen, sie schliefen, spielten, lachten, weinten, aßen, zankten und liebten sich ... immer alles gemeinsam!

Bis sie 6 Monate alt wurden schliefen sie auch zusammen in einem Babybett. Sie wirkten so verloren in dem 1,4 mal 0,7 m großen Bett.

Liesa und Christina sahen fast gleich aus (nur am Größenunterschied sah man, wer, wer war), außer meinem Mann und mir konnte sie niemand auseinander halten.
Vom Charakter waren sie jedoch ganz unterschiedlich. Christina, die ruhige, gemütliche, ausgeglichene und Liesa, die temperamentvolle, ein richtiger Feger, wie man so schön sagt, die, bei der alles schnell gehen musste. Sie bauten gerne, vor allem ganz hohe Türme. Ich sehe noch die Bilder vor mir wie Christina einen riesen Turm mit viel Liebe und Geduld baute und Liesa schaute ihr schön dabei zu. Als Christina fertig war, schmiss Liesa den Turm voller Genuss um, dabei hatten beide einen riesen Spaß. Eine andere Liebe galt ihren Puppen, die sie zu der Zeit einfach nur Baby nannten. Und sie tanzten sobald Musik erklang, Stunden lang. Sie drehten sich so lange, bis sie das Gleichgewicht nicht mehr halten konnten und fielen dann gemeinsam um, und hielten sich fast die Bäuche vor lachen. Es war eine wahre Wonne den Beiden beim Spielen, Lachen, Tanzen und Unsinn machen zuzuschauen.

So vergingen die Tage, Wochen, Monate und Jahre und wir waren sehr glücklich. Liesa und Christina entwickelten sich, obwohl sie viel zu früh auf die Welt kamen, altersgerecht. Es gab nie Probleme. Außer ein paar leichte Infektionskrankheiten waren sie gesund.

Im September 1999 hatten Liesa und Christina eine leichte Erkältung, es gab im Vergleich zu den vorherigen Erkältungen keine Besonderheiten. Christina brauchte sehr lange um sich davon zu erholen, sie war sehr schlapp, aß schlechter als normal und erbrach manchmal zwei mal am Tag und ein anderes Mal nur einmal in der Woche.

Aus diesem Grund fuhr ich innerhalb von 3 Wochen drei Mal zum Kinderarzt, aber es wurde nie eine Ursache für das Erbrechen gefunden. Am Freitag dem 26.11.1999 fuhr ich zum dritten Mal zum Kinderarzt, diesmal wollte ich, dass Christina Blut abgenommen bekommt um verschiedene Krankheiten auszuschließen. An diesem Wochenende ging es Christina verhältnismäßig gut.

Am Montag, dem 29.11.1999 entwickelte Christina eine einseitige Gesichtslähmung. Wir fuhren zum Hausarzt, der Christina sofort in die Kinderklinik einwies.
Im Krankenhaus wurden sofort mehrere Untersuchungen durchgeführt. Blutentnahme, körperliche Untersuchung, CT, Lumbalpunktion. Außer einem niedrigen Zuckerwert und ein erhöhtes Eiweiß im Liquor und der Gesichtslähmung gab es keine weiteren Auffälligkeiten. Für diese Symptome gibt es viele Ursachen, darunter können auch sehr gefährliche Krankheiten sein, deshalb wurde Christina noch in der gleichen Nacht auf die Kinderintensivstation verlegt. Der diensthabende Arzt wollte sicher gehen, dass nichts Schlimmeres passiert.

Christina musste sich in der folgenden Woche vielen Untersuchungen unterziehen: zwei Lumbalpunktionen, eine Kernspinntomographie des Gehirns und eine von der Wirbelsäule, ein EEG, einer Ultraschalluntersuchung und tägliche Laborkontrolle. Für die Ultraschalluntersuchung, das EEG und die zwei Kernspinntomographien bekam Christina jedes Mal eine leichte Narkose, die bei ihr meistens den ganzen Tag anhielt. Für die insgesamt drei Lumbalpunktionen bekam sie nichts. Die erste Punktion ging noch, sie wusste ja auch nicht was sie erwartet und außerdem durfte ich dabei bleiben.

Die zweite Punktion war wesentlich schlimmer, sie war kaum zu halten und ich durfte nicht dabei bleiben. Die dritte Punktion war ganz schlimm, ich musste wieder raus und Christina wusste ganz genau was sie erwartete. Dazu kam, dass die Ärztin nicht traf, sie musste fünfmal stechen, Christina musste von drei Krankenschwestern fest gehalten werden. Ich hörte sie bis vor die Tür der Intensivstation schreien. Es war für Christina die reinste Quälerei und ich wurde vor der Tür bald wahnsinnig. Es dauerte 45 Minuten bis ich wieder zu ihr durfte.

Ich erkannte Christina nicht wieder. Sie lag in ihrem Bett völlig erschöpft von dem Kampf gegen diese Untersuchung, richtete einen starren Blick zur Decke und wollte von nichts und niemandem etwas wissen. Wie konnte ich das nur zulassen?

Mit das Schlimmste daran war aber, dass bei den ganzen Untersuchungen nichts raus kam. Die Ärzte standen vor einem Rätsel.

Christina ließ niemanden außer mir mehr an sich ran. Ich durfte sie noch nicht einmal mehr ausziehen, weil sie Angst hatte, dass wieder etwas an ihr gemacht werden würde. Nach einer Woche auf der Intensivstation wurden wir endlich wieder auf eine normale Station verlegt. Christina ging es auf der Station auch wieder besser. Zumindest hatte es so ausgesehen. Sie wurde nicht mehr so oft geärgert und außerdem konnte ihre Schwester zu Besuch kommen, die sie immer wieder aufheiterte. Christina saß mit einem kleinen Lächeln auf ihrem Bett und schaute Liesa einfach nur beim Spielen zu, selbst wollte sie nicht spielen. Christina konnte mit Liesa sogar manchmal richtig herzlich lachen. Psychisch ging es Christina etwas besser, aber körperlich von Tag zu Tag schlechter. Die Verschlechterung war für mich nicht so sichtbar, erstens weil sie es nicht so äußern konnte und zweitens, weil sich alles ganz langsam mit jeder Untersuchung anschlich. Ich glaubte, dass das Verweigern von allen möglichen Bewegungen von der Psyche her kommt, weil sie sogar vor dem Blutdruckmessen Angst hatte. In Wirklichkeit konnte sie es vor lauter Schmerzen nicht mehr. Ich durfte noch nicht einmal mehr ohne sie zur Toilette gehen. Nach einer Woche konnte sie schon nicht mehr gehen und nach zwei Wochen nicht mehr stehen. Es war ganz schlimm. Christina war voller Angst!

In Christinas Interesse wollte ich nur noch nach Hause, vor allem, weil in der zweiten Woche nichts gemacht wurde. Die Ärzte warteten nur auf die Ergebnisse von den Untersuchungen, wo aber nichts raus kam außer dass, was schon bei der Aufnahme bekannt war. Christina wollte auch nichts anderes. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Leider habe ich das erst bemerkt als es schon zu spät war.

Anfang der dritten Woche im Krankenhaus hatten die Ärzte einen verstärkten Verdacht auf die tuberkulöse Gehirnhautentzündung und bereiteten Christina auf die Therapie dagegen vor, da die Medikamente, die sie bekommen sollte, heftige Nebenwirkungen haben. Um einen eindeutigen Beweis für die tuberkulöse Gehirnhautentzündung zu haben, wurde noch eine Punktion gemacht. Ich bestand darauf, dass Christina ein Medikament zum Schlafen bekam und dass ich dabei bleiben kann. Ich konnte ihr das nicht noch mal antun. Es wurde ein Hörtest gemacht, wo ohne Narkose nichts bei raus kam. Der Hörtest fiel normal aus.

Dann durften wir endlich nach Hause, ich machte vor Christina, im wahrsten Sinne des Wortes, einen Freudensprung. Sie lachte ganz herzlich über ihr halb gelähmtes Gesicht. Ein herzliches Lachen, ihr letztes Lachen!

Da Weihnachten vor der Tür stand, durften wir am 22.12.99 nach Hause. Bei der Entlassung wurde aber sofort eine Wiederaufnahme am 04.01.00 geplant. Wir waren alle sehr froh wieder zu Hause zu sein.

Christina ging es außer dass sie langsam wieder das Vertrauen aufbaute, nicht besser. Sie wollte und konnte nur noch liegen.
Am 24.12.99 ging ich mit Christina vor der Feier in die Badewanne. Das Bad tat ihr richtig gut, seit langem konnte sie sich mal wieder entspannen. Bei der Bescherung interessierte sie sich nicht für die Geschenke, sie wollte nur auf meinen Arm. Der ganze Trubel war ihr zu viel.

Am ersten Weihnachtstag ging es Christina von Minute zu Minute schlechter, sie schlief nur noch und war nicht mehr ansprechbar. Wir mussten wieder ins Krankenhaus. Zuerst kamen wir auf die normale Station, wo die Aufnahme und alles nötige gemacht wurde. Christina hatte einen auffällig dicken und festen Bauch, so dass ich um eine Ultraschalluntersuchung bat.

Der Arzt schaute sich den Bauch noch einmal an und wir fuhren sofort in den Ultraschallraum. Bei der Ultraschalluntersuchung war zu sehen, dass die Blase extrem gefüllt war. Der Oberarzt wurde noch dazugerufen und Christina musste sofort auf die Intensivstation. Sie bekam einen Katheter, es liefen spontan 500 ml Urin heraus. Der Oberarzt sagte, dass die Symptome auf eine eitrige Gehirnhautentzündung hinweisen. So erklärte er sich auch die Lähmung des unwillkürlichen Blasenschließmuskels. Christina wurde noch am gleichen Abend punktiert wieder mit einer Narkose. Sie bekam davon nichts mit. Sie bekam auch sofort wieder Antibiotika nur um sicher zu gehen, dass man nichts verpasst.

Am nächsten Tag wurde auch ohne eindeutigen Beweis mit der Therapie gegen die tuberkulöse Gehirnhautentzündung begonnen. Es wäre zu gefährlich gewesen auf die Befunde zu warten. Wenn jemand eine solche Gehirnhautentzündung hat und sie wird nicht oder zu spät behandelt, sterben diese Menschen. Christina bekam eine Magensonde, da sie die Medikamente nicht schlucken konnte. Es wurde wieder ein EEG geschrieben, wo deutliche Verschlechterungen zu erkennen waren. Der Chefarzt ordnete daraufhin am 27.12.99 noch einmal eine Kernspinnuntersuchung an. Bei dieser Untersuchung sah man, dass die Gehirnflüssigkeitsräume stark vergrößert waren. Das hieß, dass ein hoher Druck auf dem Gehirn war. Christina musste sofort in den OP. Sie bekam ein Ablaufsystem, damit die zu große Menge an Gehirnflüssigkeit ablaufen konnte.

Bei der OP erkannte man, dass die Liquorräume nicht vergrößert waren, weil zu viel Gehirnflüssigkeit da war, sondern dass das Gehirn geschrumpft ist. Uns wurde klar gemacht, dass unsere Tochter in absoluter Lebensgefahr stand und dass, wenn sie diese Krankheit überlebt, schwer behindert bleiben wird. Für uns ging die Welt unter. Wir wollten doch nichts außer dass wir vier wieder ein ganz normales Leben führen können, egal, ob wir Wochen oder Monate im Krankenhaus bleiben müssten. Nach der OP wurde Christina nicht mehr wach und sie kam auch nicht mehr von der Beatmungsmaschine ab. Christinas Allgemeinzustand wurde immer schlechter und die Befunde fielen auch immer schlechter aus. Ihr Körper spielte verrückt. Nichts funktionierte mehr normal.

Christina bekam eine ganze Latte an Medikamenten. Jeden Tag kam eine neue Anomalie dazu, der Blutdruck, die Urinausscheidung, sie konnte noch nicht einmal mehr die Körpertemperatur halten. Und jeden Tag kam eine neue schlechte Nachricht. Am 30.12.99 kam auch wieder so eine, die Ärzte äußerten einen neuen Verdacht, was Christina haben könnte. Eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Das schlimme an solchen Krankheiten ist, dass es keine Behandlung und keine Heilungschance gibt. Es wurde uns sehr deutlich gesagt, dass Christina sterben muss. Als würde das noch nicht reichen, wir wurden auch auf die Gefahr um Liesa hingewiesen. Wenn Christina diese Krankheit wirklich gehabt hätte, wäre es sehr wahrscheinlich gewesen, dass Liesa diese auch hätte, da Liesa und Christina eineiige Zwillinge sind. So ging es immer weiter, nach jeder schlechten Nachricht folgte eine andere. Bei weiteren Untersuchungen kam jedes Mal ein schlechteres Ergebnis heraus.

Jeden Tag wurde mir bewusster, dass Christina nicht mehr gesund wird, und jeden Tag und jede Nacht sah ich welche Qualen sie über sich ergehen lassen musste (Beatmung, Blutentnahme, Blutzuckerkontrollen, Lagerung, Unmengen an Medikamenten wurde ihr eingetrichtert, die Nahrung wurde ihr über eine Magensonde gegeben und das Schlimmste: sie musste mehrmals am Tag durch den Beatmungsschlauch abgesaugt werden). Nichts von alledem konnte sie wieder gesund machen. Warum also das alles? Warum konnte sie nicht einfach einschlafen? Ich saß Tag und Nacht an ihrem Bett und versuchte alles für sie zu tun was in meiner Macht stand. Ich wollte ihr zeigen, dass ich für sie da bin und dass ich sie liebe. Ich saß an ihrem Bett, hörte mir mit ihr Kindermusik an, las ihr Geschichten vor und erzählte ihr alles mögliche, was sie interessieren könnte. Ich war froh für jede Minute, die ich mit ihr verbringen durfte, weil ich sie liebe und gerade weil ich sie liebe sagte ich zu ihr: "Mein kleiner Schatz, ich liebe dich über alles, du bist das schönste Geschenk, was ich jemals bekommen habe. Aber ich sehe wie du leidest und das möchte ich nicht. Christina, wenn es dir woanders besser geht als hier, wenn es einen Ort gibt, wo du wieder gesund sein kannst, wenn du woanders hingehen möchtest, dann geh! Ich weiß, dass du mich lieb hast und ich habe dich lieb und daran wird nichts und niemand jemals etwas ändern können! Es wird mir sehr weh tun, wenn du nicht mehr da bist, aber noch weher tut es mir, dich leiden zu sehen. Ich liebe dich!!!"

Am 17.01.00 wurde der Verdacht auf den Gehirntod geäußert.

Am 18.01.00 wurden noch verschiedene Untersuchungen durchgeführt, die den Beweis dafür geben sollten. Alle Befunde waren eindeutig, Christina war Gehirntod. Am 20.01.00 wurde das erste Protokoll geschrieben und am 21.01.00 sollte das zweite laufen. In dem Moment schossen mir wieder tausende von Gedanken durch den Kopf und ich fing an zu zweifeln. Der Gedanke, die Maschinen einfach auszuschalten, war für mich eine sehr große Last und ich fragte mich, ob wir ihr genug Zeit, genug Chance zum Leben gelassen haben. Ich bekam auf einmal Angst, Angst vor der Endgültigkeit.

Am 20.01.00 brachte Peter Liesa mit zu Besuch. Bevor sie wieder fuhren, verabschiedete Liesa sich noch ganz lieb von Christina. Ein Abschied für immer!
Peter war auf dem Weg nach Hause als es Christina von jetzt auf gleich ganz schlecht ging. Es war ca. 16:30 Uhr als ich Peter anrief, dass er sofort wiederkommen sollte. Christinas gesamter Kreislauf brach zusammen. Als Peter Christina zur Begrüßung einen Kuss gab, sank der Puls von 75 auf 50, als wollte Christina seine Begrüßung erwidern. Ich hatte das Gefühl, dass Christina sich noch von Liesa verabschieden wollte und nur noch darauf wartete, dass Peter zurück kam. Der Blutdruck war schon um 17:00 Uhr nicht mehr messbar. Der Tod kam immer näher. Wir ließen Christina nicht mehr aus den Augen und versuchten ihr zu zeigen, dass wir für sie da sind und dass wir sie über alles lieben. Um 22:38 Uhr schlug Christinas Herz das letzte Mal.

Alles hörte so auf, wie es begann. Christina ist am 25.04.97 um 10:38 Uhr geboren, sie war die ersten Lebenstage beatmet, sie lag im Inkubator, war die ersten Lebensmonate im Krankenhaus und musste über Infusionen ernährt werden.

Genau so endete ihr Leben auch, sie wurde beatmet, brauchte eine Wärmedecke, war die letzten Wochen ihres Lebens im Krankenhaus, wurde über Infusionen ernährt und ist am 20.01.00 um 10:38 Uhr abends gestorben.

Nachdem die Krankenschwester und die Ärztin die ganzen Zugänge, und was Christina noch so alles an sich hatte, entfernt hatten, habe ich sie noch gewaschen und angezogen. Als Christina ganz fertig war, nahm ich sie auf den Arm und hielt sie ganz fest lieb. Darauf habe ich so lange gewartet. Ich konnte sie wegen dem Beatmungsgerät nicht aus dem Bett holen und nun war sie tot. Ich habe ihre Nähe vermisst. Ich habe es auch vermisst, ihr auf diese Weise meine Liebe zu ihr zu zeigen. Ich wollte sie nicht mehr los lassen. Ich hielt sie so fest in meinen Armen wie ich konnte. Ich war noch nicht bereit sie gehen zu lassen. Es war so schön sie zu spüren, sie im Arm zu halten, sie zu küssen, sie einfach nur lieb zu halten. Nachdem Peter sie auch noch mal zu sich nahm um ihren noch warmen Körper ein letztes Mal zu spüren, legte ich Christina wieder ins Bett. Peter und ich setzten uns rechts und links neben Christina und hielten ihre Hände. Wir waren beide wach und hatten aber beide einen Traum. Ich sah Christinas Geist aus ihrem Körper steigen, mit einem zufriedenen, lächelnden Gesichtsausdruck. Sie schwebte zu mir und Peter. Sie hielt uns lieb, sagte, dass sie uns liebt und flog aus dem Fenster in den Himmel, wo dann ein ganz heller Stern aufstrahlte. Peter sah das gleiche, obwohl wir noch nie über so etwas gesprochen haben und wir beide die Augen geschlossen hatten.

Durch diesen Traum hätten wir eigentlich beruhigt sein können, aber wir blieben die ganze Nacht bei Christina.
Morgens um 8:30 Uhr wurde Christina für die Obduktion abgeholt. Der Verdacht auf eine angeborene Krankheit war noch nicht auszuschließen und im Interesse von Liesa mussten wir es machen lassen. Wenn es nicht um Liesa gegangen wäre, hätte ich sie nicht zur Obduktion frei gegeben. Für mich war das einfach undenkbar.
Peter und ich fuhren nach Hause und bereiteten alles für Christina vor. Ich konnte sie nicht in eine Leichenhalle bringen lassen. Für viele Menschen ist das nicht möglich oder sie kommen mit der Situation nicht zurecht. Für mich und meinen Mann war es sofort klar, dass wir Christina nach Hause holen wollten. Der Gedanke daran, sie in einer Leichenhalle liegen zu haben oder sogar in der Schublade im Krankenhaus, war für mich in dem Moment mit das Schlimmste.
Ich wollte nicht, dass sie in einem dunklen Raum liegt.

Ich wollte sie nicht alleine lassen.

Wir brauchten die Zeit um uns von dem Sichtbaren zu verabschieden.

Eine Leichenhalle ist für mich etwas Negatives, es ist so als würde man sie abschieben, verweigern und abstoßen.
Um 12:30 Uhr wurde Christina nach Hause gebracht. Ich legte sie ganz vorsichtig in ihr Bett, zündete Kerzen an und setzte mich zu ihr.

Schon wie im Krankenhaus fühlte ich mich wie in einem schlechten Traum, wie auch unmittelbar nach ihrem Tod. Ich lief neben mir, fühlte mich wie in einem Alptraum, aus dem ich nur noch erwachen wollte. Ich war wie im Schock und kannte mich selbst nicht wieder. So hart, wie versteinert. Keine Mimik, keine Gestik war mir möglich. Alles war so unwirklich, so unfassbar und ich wollte es nicht glauben, ich konnte es nicht glauben und ich glaubte es auch nicht. Ich dachte, jeden Moment wache ich auf, meine Kleine Christina kommt durch die Tür gelaufen, hält mich ganz fest lieb und sagt: "Alles war nur ein böser Traum!" Dem war nicht so, ich wurde nicht wach, meine kleine kam nicht ...
Es war kein Traum. Nachdem ich Christina drei Tage auf ihrem Bett liegen sah ohne jegliches Lebenszeichen, wurde mir langsam die Wahrheit bewusst.
In diesem Augenblick zerbrach mein Herz und die eine Hälfte davon schenkte ich Christina. Ich suchte sie, versuchte verzweifelt alles von ihr festzuhalten. Ich versuchte einen sichtbaren Teil von ihr zu behalten zusammen mit ihren Haaren, die bei der OP am 27.12.99 abrasiert wurden. Ich besorgte mir Gipsbinden und stellte eine Gesichtsmaske von ihr her. Sie sollte doch für immer bei mir bleiben!

Einen Tag später nähte ich ihr ein wunderschönes Kleid aus den Stoffresten meines Braut- und ihres Taufkleides. Sie sollte etwas mitnehmen was aus meinem tiefsten Herzen kommt. Sie sollte so aussehen wie ein Engelchen, ein wunderhübsches Engelchen, so wie sie eins ist! Als das Kleid fertig war zog ich es ihr sofort an. Sie sah wunderhübsch darin aus. Mein Engelchen, mit einem Kleid aus meinem Herzen genäht!

Alles sollte so perfekt sein, wie sie es ihr Leben lang war!

Nach fünf Tagen des Abschiedsnehmens folgte die Beerdigung. Christinas Körper durfte bis eine Stunde vor dem Engelamt bei uns bleiben. Als der Bestatter kam, legte ich ihren kleinen leeren Körper in ihren weißen mit Gold verzierten Sarg, legte ihren Winnie Puuh in ihre Arme, gab ihr einen letzten Kuss auf die Stirn und sagte ihr, dass ich sie liebe!

Der Sarg wurde verschlossen und mit ihm mein mit Liebe gefülltes Herz.


 



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