Felix

Felix

Felix wurde am 02.03.1989 um abends nach 20:00...? geboren.
Per Notkaiserschnitt.

Bis zum 18.02.1989 war die Schwangerschaft zumindest für meine Gynäkologin unauffällig, also auch für mich.

Am 18.02. einen Tag nach meinem Geburtstag, sagte sie beim Ultraschall der Kopf sei zu klein und ich solle ins Krankenhaus gehen. Da ich eigentlich eine Hausgeburt geplant hatte, bin ich dann zu meiner Hebamme, die mich schon länger nicht mehr gesehen hatte, weil ihre Praxis weiter weg war. Sie sah den Bauch und meinte nicht der Kopf ist zu klein, sondern das ganze Kind und du hast kaum noch Fruchtwasser.

Also ins Krankenhaus. Sie hat mich ins Anthroposophische Krankenhaus nach Herdecke geschickt, und das war eine wirklich gute Entscheidung. Ich bin dann am nächsten Tag ins Krankenhaus gegangen und dort war schnell klar, dass die Hebamme richtig lag.

Es wurden dann noch einige Untersuchungen gemacht, welche genau weiß ich gar nicht mehr. Und ich habe viel mit dem Arzt diskutiert, ich wollte das Beste für mein Kind. Angst, dass es etwas Ernsthaftes sein könnte, hatte ich da gar nicht.

Dass kein Fruchtwasser da war, deutete auf ein Nierenproblem. Der Embryo trinkt das Fruchtwasser und dann scheidet er den Urin aus, dadurch wird die Fruchtwasserproduktion angeregt. Wenn es nicht wieder ausgeschieden wird, wird auch kein Fruchtwasser mehr produziert.

Es gab den Verdacht auf Trisomie18, der sollte über eine Fruchtwasserentnahme erhärtet werden, um im Zweifelsfall keinen Kaiserschnitt durchzuführen.

Ich habe mich lange gegen die Fruchtwasseruntersuchung gewehrt, weil ich Angst um das Kind hatte, dann aber doch eingesehen, dass es Sinn macht. Die Fruchtwasseruntersuchung wurde dann in der Universitätsklinik in Münster durchgeführt, das war furchtbar, da ich so angespannt war, aus Angst dem Kind könnte bei der Entnahme etwas passieren. Dadurch hat mir die Entnahme sehr weh getan, und ich habe mich den ganzen Tag sehr unwohl und unruhig gefühlt. Die Ergebnisse der Fruchtwasserentnahme kamen dann auch erst nach dem Kaiserschnitt, die Untersuchung war also auch noch völlig überflüssig.

Zurück in Herdecke, durfte ich dann noch ein paar Tage warten, der Frühling kam mit jedem Tag näher und ich hatte ein gutes Gefühl, habe um mein Kind gekämpft. Dass ich auch ein krankes oder behindertes Kind haben wollte, hatte ich bereits zu Beginn der Schwangerschaft mit mir ausgemacht. Da ja meine Schwester auch behindert ist, war ich ja vorbereitet. So dachte ich.

Am 02.03.1989 war es den Ärzten dann sicherer ein Belastungs-CTG zu machen, sie vermuteten einen operabelen Schaden, z.B. dass die Harnleiter nicht angelegt oder verstopft seinen. Und damit Felix die OP gut überstehen könnte, war es sinnvoll, dass es ihm so gut wie möglich ging.

Unter Weheneinfluss wurden dann Felix' Herztöne schlechter, da wurde mir zum ersten Mal klar, dass es doch richtig gefährlich werden könnte. Ich bin dann zum OP gefahren worden und hatte eine Vollnarkose, so dass ich das weitere nur aus Erzählungen weiß.

Der Kaiserschnitt war kein Problem und Felix war immerhin 49 cm groß und der größte auf der Frühgeborenen Station.

Nur hatte er keine Nieren!

Er hatte das Pottersyndrom. Dabei kommt es zu massiven Missbildungen. Er hatte auch eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte und Klumpfüße.

Dies hat mir der Chefarzt in der Nacht mitgeteilt und mich auch gefragt, wie das Kind heißen soll und ob es getauft werden solle. Ich hatte Felix schon im Hinterkopf und hier passte es für mich sehr gut: Felix der Glückliche, denn nur das war mir wichtig.

Und natürlich wollte ich in diesem Moment, dass er getauft wird. Da habe ich nicht nachgedacht, das war nur Gefühl. Sie haben ihn dann im Beisein seines Vaters Notgetauft. Ich war ja noch nicht wieder richtig wach.

Um 6:30 kam die Krankenschwester und teilte mir mit, sie würden Felix um 7:00 zu mir bringen.

ICH WOLLTE DAS NICHT!!!!

Ich habe mich vor meinem eigenen Kind gefürchtet. Dachte, da kommt ein Monster. Gut dass mich niemand gefragt hat, ob ich ihn sehen will, was wäre mir an diesem Tag alles entgangen.

Also kam er ins Wärmebett mit Nuckle und ein bisschen Sauerstoff, um ihm das Atmen so angenehm wie möglich zu machen. Ich bin diesem Pflegepersonal und den Ärzten so dankbar, wie liebevoll und gut sie sich um mein Kind gekümmert haben ...

Ich durfte ihn auch in den Arm nehmen, er war so süß und meine Angst war weg, ich habe jede einzelne Minute mit ihm aufgesaugt.

Es war klar, dass nichts zu machen war, bzw. ich hätte es nicht gewollt, ihn an die Dialyse anzuschließen. Ich wollte kein Leiden. In meinem Bauch ging es ihm ja gut und den Tag außerhalb hatte ich auch das Gefühl, dass er sich wohlfühlt. Er war ganz entspannt, hat geschaut, das ist so traurig, ich kann das kaum schreiben.

Dann wollte die Krankenschwester Fotos machen, ich habe gedacht, was soll das denn, wofür? Aber wieder hat mich niemand gefragt, sie haben es einfach gemacht, und heute bin ich über diese drei Fotos so glücklich, so habe ich wenigstens etwas als Spur meines Kindes. Die Krankenschwester hat mir die Fotos hinterher nach Hause gebracht, es war noch das nicht Digitale Fotografie Zeitalter und so ein Film musste doch tatsächlich noch entwickelt werden.

Felix

Das Grab ist schon lange abgeräumt, auch wenn ich immer noch dahin gehen kann. Er hatte ja nichts auf dieser Erde. Kindersachen hatte ich auch noch fast gar nicht, einen Strampler und eine Wickelkommode, die habe ich auch noch und sie wurde ihrem Zweck gerecht.

Alles andere hätte ich mir besorgt in der Zeit, in der ich im Krankenhaus lag. Ich habe mir auch gar keine Gedanken gemacht über sein Zimmer, Ausstattung etc. Bei Julian auch erst sehr spät, aber doch etwas früher. Da hat meine Tante Jäckchen stricken müssen, weil er so klein war, dass er in die gekauften nicht rein gepasst hat.

Ich erinnere mich nicht mehr an alles an diesem Tag. Meine Mutter war da, sie hatte nur Augen für Felix, nicht für mich. Heute kann ich das besser verstehen, Sie hat immerhin zwei Kinder verloren: meinen Bruder als Totgeburt und meine Schwester durch einen Narkosezwischenfall. Sie hat es zwar überlebt, ist seitdem aber schwerstbehindert. Damals hat sich das glaube ich sehr einsam angefühlt. Glaube ich, weil meine Gefühle waren in Schockstarre. Eine Freundin sagte mir noch letztens, sie sei auch dagewesen, davon weiß ich nichts mehr.

Die Hebamme kam auch im Laufe des Tages, und ist abends wieder gekommen und hat uns begleitet bis Felix dann gestorben ist. Sie hat eine Kerze mitgebracht, die wir dann angezündet haben.

Er ist ganz friedlich eingeschlafen, hatte keine Schmerzen, so ruhig hinüberzugehen, das kann ich nur jedem wünschen. Seitdem fürchte ich mich zumindest nicht mehr vor dem Sterben.

Er war dann noch bis ca. 24:00 bei uns im Zimmer. Christoph hat dann auch bei mir geschlafen als Begleitperson für Felix. Auch da wieder, sie haben alles möglich gemacht was in dieser Situation ging. Daher sage ich auch immer die Situation war "schön" so ruhig und liebevoll.

Felix wurde dann von Samstag bis Montag aufgebahrt. Ich war so viel es ging bei ihm und habe ihn beobachtet. Er veränderte sich immer mehr und montags sah er nicht mehr aus wie ein Neugeborenes sondern eher wie ein alter Mensch.

Ich weiß noch, dass mein Vater am Samstag kam, er war nur damit beschäftigt, dass er Felix nun nicht lebend gesehen hatte. Meine Mutter war schon schadenfroh ... eine Hilfe waren sie mir nicht.

Allerdings hat mein Vater die Organisation der Beerdigung übernommen, dazu wäre weder ich noch Christoph in der Lage gewesen. Daher ist er auch in der Gruft meiner Großeltern beerdigt worden. Das fand ich ganz ok. Auch meine Großmutter hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder gestorben sind. Sie hatte zuerst Zwillinge, die relativ schnell nach der Geburt gestorben sind, an die wurde auf dem Grabstein auch gedacht.

Am Montag sollte der Bestatter kommen und Felix abholen. Meine Mutter hatte dann noch die Idee, dass er mein Taufkleid angezogen bekommen sollte und eine Freundin hat es mir noch gerade zur rechten Zeit ins Krankenhaus gebracht. Ich habe ihm im Laden im Krankenhaus eine kleine Stoffpuppe gekauft und mit ins Grab gelegt. Ich habe ihn angezogen, in den Sarg gelegt und den Sarg zugeschraubt. Ich wollte nicht, dass ihn irgendwer anderes anfasst.

Ich wollte keine Obduktion, auch dazu hat mich niemand gedrängt, nur einmal gefragt. Und ja die Wissenschaft hätte bestimmt davon profitiert, aber ich konnte das nicht, alleine die Vorstellung, ne geht gar nicht. Ich wollte einfach nur, dass er in Ruhe und ohne weitere Verletzungen einfach gehen konnte.

Danach war ich einfach nur leer, keine Tränen nichts.

Alle haben mich in Ruhe gelassen ... das war gut so.

Und der Frühling ging weiter ...ich ertrage es heute oft nicht wenn der Frühling kommt, das hat sich in meinem Gehirn so verknüpft. Dabei liebe ich es und sehe es eigentlich als hoffnungsvoll an, wenn doch wieder Leben in die Natur kommt. Da kann ich schon mal heulen, wo andere sich nur freuen würden.

Donnerstags war dann die Beerdigung. Christophs Mutter hat sich sehr beschwert, sie hatte Geburtstag, sensible ist anders.

Felix

Ich habe mich dann vorzeitig aus dem Krankenhaus entlassen, ich wollte doch bei der Beerdigung dabei sein. Die Beerdigung hat ein befreundeter evangelischer Pfarrer gemacht, da waren wir dann auch hinterher mit Freunden zum Kaffee trinken.

Dieser kleine weiße Sarg, so traurig ...

Felix

Ich weiß nicht mehr wann ich mit Weinen angefangen habe, habe dann aber ca. ein halbes Jahr gar nichts anderes tun können, nicht arbeiten, noch nicht mal lesen, keine Kraft, keine Konzentration, nichts. Dabei sind wir umgezogen und mussten renovieren, all das ist ziemlich nebelhaft im meinem Kopf.

Ende September haben wir dann eine Radtour durch Ungarn gemacht, pünktlich zur Flucht der Menschen aus der DDR, davon haben wir aber erst hinterher erfahren.

Ja und dann ging das Leben weiter. Für alle wie immer, nur nicht für mich.

Ich habe immer wieder Phasen in denen mich Felix' Tod sehr beschäftigt, oft merke ich das nur an einer inneren Unruhe. Fast immer nach Julians Geburtstag im Januar, bis zu Felix Todestag am 03.03.

Sprechen tue ich erst seit kurzem wieder mehr über Felix, und momentan kann ich oft nicht aufhören traurig darüber zu sein. Das ist mal ein bisschen spät aber besser spät als nie.

Ich finde es sehr gut, dass es heute viel mehr Möglichkeiten für Eltern gibt sich mit dem Tod ihrer Kinder auseinanderzusetzen, dazu gehört auch dieses Forum.

So oft habe ich seinen Namen noch nie geschrieben, es tut gut mich zu erinnern, auch wenn die Tränen rollen. Besser als dieses diffuse Nicht-Fühlen, dann kann es auch wieder fröhlich sein.

Felix


Als nächstes werde ich über die Schwangerschaft mit Julian schreiben.

Julian *15.01.

Mein absolutes Wunschkind.

Zwischen Felix und Julian hatte ich auch noch eine sehr frühe Frühgeburt. Die Gynäkologin sagte zwar, kann nicht sein, aber ich war mindestens drei Tage krank und hatte solche starken Blutungen und Bauchschmerzen ...

Hatte dann ja auch kaum noch damit gerechnet ein Kind zu bekommen. Ich wollte nie so alt sein wie meine Mutter, die war bei meiner Geburt 38 und damals war das verdammt alt.

Und so war ich sehr glücklich als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin.

Allerdings ging es mir während der Schwangerschaft nicht so gut. Sechs Monate war mir ständig schlecht und ich hatte unheimliche Angst. Davor: er wird geboren und geht gleich wieder.

Meine Hebamme hat mich in der Zeit sehr viel begleitet, wir haben immer wieder auch über Felix und Tod gesprochen, sonst wäre ich glaube ich durchgedreht. Ich habe kein Ultraschall machen lassen, weil, auch wenn mir gesagt worden wäre, dass das Kind ein Problem hat, ich hätte nicht abgetrieben und warum sollte ich das dann machen? Nur ganz zum Ende habe ich ein Ultraschall machen lassen um zu sehen, wo denn die Plazenta sitzt, da ich ja eine Hausgeburt geplant hatte.

Vor Weihnachten 1992 hatte ich die ersten Wehen, die Zeit bis zum 15.01. war dann sehr aufregend, da ich immer wieder den Eindruck hatte, jetzt geht es gleich los.

Am 14.01 bekam ich gegen 18:00 dann "richtige" Wehen, die in immer kürzeren Abständen kamen. Gegen 22:30 kam die Hebamme und ist mit mir spazieren gegangen. Sie ist gegen 24:00 wieder gefahren und meinte es würde noch bis zum Nachmittag dauern. Als sie weg war, bekam ich Wehen ohne eine einzige Pause ca 5 1/2 Stunden lang. Habe ohne Pause Wehen-Singen gemacht, das war super. So gegen 5:00 habe ich dann mal die Hebamme anrufen lassen, sie war so gegen 5:30 da und Julian dann um 6:18.

Als der Kopf draußen war, hat er mir die Zunge raus gestreckt und da war mir klar, dieses Kind wird seinen Weg gehen. Ich war einfach nur erleichtert, er war quitschgesund bis auf ein bisschen Gelbsucht, und er hat tags geschlafen und nachts war er putzmunter. Das mag er heute noch. Ja und ich hatte immer nur sehr wenig Angst um ihn, weil den Zeitpunkt, an dem Felix gegangen ist, hatte er ja schnell hinter sich. Wobei was ich täte wenn ihm etwas passieren sollte ...

Als er 2 1/2 war hat er mich auf dem Friedhof gefragt, was machen wir hier, und ich habe ihm von seinem Bruder erzählt, ich konnte nicht anders. Das hat ihn sehr belastet bis weit ins Grundschulalter hinein. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, viel zusammen geweint, das war eine sehr gute Zeit auch für mich, da ich zumindest ein wenig meine Trauer teilen konnte. Allerdings immer nur wenn es für Julian der richtige Zeitpunkt war. Das war und ist immer noch sehr anstrengend für mich. Ich will ja niemanden mit diesen "alten" Dingen belasten.



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