Leben ohne Dich - Für Finn


Finn


Die Geschichte von Finn

Unser bis zum Unglück kerngesunder und fast dauernd fröhlicher Sohn Finn, erleidet am 5. Juni 2008 auf der Baustelle unseres Neubaus einen Stimmritzenkrampf. Einfach so! Während einer für uns in der Bauendphase völlig gewöhnlichen Situation, dem Essen mit Opa auf der Baustelle.

Es waren so viele Menschen bei ihm als er ging: der Papa und der Opa, die auf der Baustelle arbeiteten, die Mama, die gerade mit Finn von der Arbeit und dem Kindergarten kam, ein Heizungs- und ein Gasmonteur.

Finn war bis zum Ende seines Lebens fröhlich und hat dem Opa, Papa und Mama noch gezeigt, wie toll er den Akkuschrauber drücken kann, voller Schabernack und Stolz.

Wenige Minuten vor dem tragischen Ende seines viel zu kurzen Lebens hat er sich ohne erkennbaren Grund und ohne abzustützen mit der Stirn auf den Estrich geworfen. Mama hat ihn aufgenommen, die Stirn war nicht aufgeschrabbt, nur weiß vom Staub. Finn hat nicht geweint.

Er biss auf Mamas Schoß noch mal in seine Pflaume, sollte dann den Kern ausspucken, grinste Mama an, spuckte etwas aus, aber nicht den Kern. Mama hielt ihn, ohne Aufregung, leicht schräg und wollte ihm leicht auf den Rücken klopfen, damit er den Kern ausspuckt und keine Schelmerei damit macht.

Doch bevor Mama dazu kam wurde Finn wie vom Blitz getroffen blau. Die dunkle Farbe schoss von oben nach unten blitzartig durch seinen Körper, sekundenschnell. Er erlitt wohl gleichzeitig oder unmittelbar danach einen Herzstillstand und wurde sofort vom Papa und einem Handwerker reanimiert. Das Herz schlug auch wieder.

Finn wurde per Mund-zu-Mund-Beatmung vom Papa beatmet, bis ca. 10 Minuten später der alarmierte Rettungsdienst eintraf, der dieses mit dem Beutel fortführte. Erst als die Notärztin eintraf, wurde Finn intubiert, dies waren ca. 15 bis 20 Minuten nach Eintreten der Bewusstlosigkeit.

Der Rettungshubschrauber war allarmiert und landete neben unserem Haus. Finns Kreislauf stabilisierte sich nicht und so wurde alles versucht, aber nach ca. 1 Stunde haben sie Finn dann instabil nach Trier ins Krankenhaus geflogen.

Papa und Mama wurden vom Opa sofort nach Trier gefahren, damit wir bei unserem Sohn sein konnten. Wir wurden dort bereits auf der Erwachsenen-Intensiv-Station erwartet. Eine Psychologin und die Krankenhaus-Seelsorge betreuten uns bis die Ärzte für uns Zeit hatten und begleiteten uns auch die kommenden fünf schwersten Tage unseres Lebens.

Die Ärzte konnten uns leider von der ersten Minute an keine großen Hoffnungen machen, da der Sauerstoffmangel zu groß und zu lang für das Gehirn war. Sie hatten ihn bereits ins künstliche Koma gelegt und den Kopf gekühlt. Er schwebte die ganze Zeit in Lebensgefahr.

Da wir zunächst vermuteten, dass er am Pflaumenkern erstickt sei, wurde dort sofort eine Bronchoskopie durchgeführt, bei der sich herausstellte, dass die Atemwege frei waren und kein Kern gefunden wurde. Daraufhin mussten wir, inzwischen war es bereits Abend, verschiedenen Chef- und Oberärzten immer und immer wieder den Unfallhergang schildern.

Schließlich teilten uns die Ärzte nach einigen Stunden der Untersuchung und Beratung mit, dass er wahrscheinlich aus einer Verkettung unglücklicher Umstände, die man aber nicht mehr rekonstruieren konnte, einen Stimmritzenkrampf erlitten hat. Dieser wurde dann erst durch die Intubation gelöst, so dass die vorherige Beatmung durch den Papa und den Rettungsdienst ausschließlich in den Bauchraum gegangen war. Die Stimmritze hat im Krampf keinerlei Sauerstoff durchgelassen. Die blitzartige Blaufärbung des Körpers war wohl auch ein Indiz hierfür.

Man bereitete uns behutsam, aber ohne Verschleierung, auf die nächsten Tage vor, an denen zahlreiche Untersuchungen und Reflextests anstanden. Da die Ärzte uns keine Hoffnungen machen konnten, auch schon auf die Feststellung des klinischen Hirntodes. Eine für uns unfassbare, nicht vorstellbare Tatsache, an die ich als Mama bis wenige Stunden vor dem endgültigen Todesurteil nicht glauben wollte. Ich glaubte und Papa hoffte auf ein Wunder.

Wir hatten das Glück, direkt in der Nähe des Krankenhauses eine Elternwohnung gestellt zu bekommen, und durften zu jeder Tages- und Nachtzeit zu unserem Sohn. Anfangs hielt ich den Anblick der vielen Schläuche und Apparate kaum aus und musste, von meinem Gewissen gequält, immer wieder Pausen machen, raus oder in die Stadt gehen, damit ich wieder Kraft für die Zeit an Finns Bett tanken konnte.

Ich streichelte seine Händchen und Füßchen, küsste ihn und flüsterte ihm meine Gedanken und Wünsche ins Ohr, doch er zeigte keine Reaktion. Die Maschine atmete für ihn und man meinte und hoffte, er würde sich endlich wieder bewegen.

Auch als die Ärzte ihn aus dem Koma holten, zeigten sich leider keine Reflexe oder sonstige Reaktionen. Da die Körpertemperatur enorm absank, wurde er nun gewärmt. Stunden vergingen ohne Veränderung.

Nach 3 Tagen musste nun auch ich erkennen, einsehen, wahrhaben..., dass Finn bereits in unserem Neubau gegangen war. Es war nur noch die Hülle seines Körpers vor uns. Einfach mitten aus unserem Leben gerissen!

Kurz vor dem Einzug in unser neues Haus, in dem Finn endlich sein eigenes Zimmer bekommen sollte. Der kleine Mann wusste auch schon wo es war, er hatte es schon tapeziert gesehen und konnte es schon voller Stolz zeigen. Mitten drin im Leben soll man akzeptieren, dass sein eigenes Kind bereits hirntot ist und man es in Kürze gehen lassen muss??

Wir wurden bezüglich Organspende angesprochen und konnten diesem ohne langes Zögern zustimmen, da Organspende schon vor dem Unfall ein Thema für uns war. Wir hätten so gerne anderen Menschen und Familien eine zweite Chance gegeben, die wir nicht mehr haben konnten. Leider durfte Finn schließlich keine Organe spenden, da eine Impfung erst drei Wochen zurück lag und diese für eine Transplantation mindestens vier besser noch zehn Wochen zurückliegen muss. Für uns ein weiterer Schlag.

Die letzten Untersuchungen wurden schließlich durchgeführt und es lag die offizielle Bestätigung vor, dass Finn hirntot war. Wir mussten ihn nun wenig später gehen lassen.

Finn lag in meinen Armen, Papa und ich hielten seine Hand, bevor das Beatmungsgerät abgeschaltet wurde. Die Seelsorgerin sprach ein Gebet. Eine Ärztin und zwei Krankenschwestern begleiteten Finn und uns in diesen traurigen Minuten. Es dauerte dann nur wenige Sekunden bis Finns Herz aufhörte zu schlagen.

Wir bekamen dann alle Zeit der Welt, uns zu verabschieden, durften ihn waschen und anziehen. Wir durften weiterhin in seiner Nähe bleiben und entschieden uns, noch zwei Nächte in der Elternwohnung zu verbringen.

Am anderen Tag kamen noch Verwandte und Finn wurde in den Verabschiedungsraum des Krankenhauses gebracht. Es war eine sehr würdevolle Atmosphäre. Die Seelsorgerin und die Psychologin hatten Finn eine Kerze gebastelt, auf der sein Name steht, ein Regenbogen, ein Vogel und zwei wichtige Dinge seines Lebens: ein Pferd und eine Mülltonne. Wir beteten und gingen. Finn sah sehr friedlich aus.

Am anderen Tag mussten wir uns nun endlich auf den Weg nach Hause machen. Finns Schwestern warteten bei Freundinnen auf uns und die Beerdigung mit allem was dazu gehört musste irgendwie vorbereit werden.

Wir gingen ein letztes Mal in Trier ins Krankenhaus um uns dort von unserem Sohn zu verabschieden, doch es lag nur noch seine Hülle dort. Er war bereits gegangen. Für Nichtbetroffene wohl kaum nachzuvollziehen.
 



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