Leben ohne Dich - Für Jons Martin


Jons Martin


Trauerrede für Jons Brandenburg,
am 8. Juni 2012 auf dem Friedhof in Bakede

Wir müssen uns heute von Jons Brandenburg verabschieden und miteinander gleich den Weg zum Grab antreten. Ein solcher Weg fällt immer schwer, zumal aber dann, wenn es ein noch so junger Mensch ist, der sich da von uns und von der Welt verabschiedet hat, und wenn alles so unfassbar schnell ging. Es war, wie der Dichter Rainer Maria Rilke einmal schreibt: „Der Tod ist groß; wir sind die Seinen, lachenden Munds; wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns!“ Und so ist es gewesen: der Tod hat zu weinen gewagt, mitten im Leben von Jons Brandenburg. Was können wir da überhaupt sagen, wo uns doch so sehr die Worte fehlen, wo es uns doch einfach die Sprache verschlägt? Das Beste, was wir tun können und auch tun sollten, ist, dass wir immer wieder von ihm erzählen, uns mitteilen und so miteinander teilen, wer er für jeden von uns gewesen ist, und wie er das eigene Leben so ungemein bereichert hat. Was ist das für ein Leben gewesen, das er auf dieser Welt gelebt hat, so wie nur er es leben konnte? Welche Kreise hat seine einmalige Lebensgeschichte gezogen, und welche Spuren bleiben nun davon, auch über den Tod hinaus, zurück?

Am 29. April 1991 kommt er in Gehrden zur Welt; er hat noch einen Bruder, Bastian. In dem kleinen Ortsteil Kessiehausen wächst er auf, und sein Leben lang hat er seine in malerischer Natur gelegene Heimat geliebt. Von klein auf streift er durch die Umgebung, er untersucht Mineralien unter dem Mikroskop, er pflanzt Bäume, er verschlingt Bücher, und schon als Kind interessiert er sich für alles Mögliche. Manchmal wird er von anderen Kindern dafür belächelt, aber er lässt sich nicht entmutigen, und er hat immer die Unterstützung seiner Familie. Seine, im besten Sinne des Wortes, Neugier auf alles, was es auf der Welt gibt, setzt sich fort, als er das Christopherusgymnasium in Elze besucht, genau die richtige Schule für ihn, und seine Mitschüler staunen immer wieder über sein unglaubliches Wissen, seine schier unerschöpfliche Allgemeinbildung und seine Intelligenz. „Wandelndes Lexikon“ und „Wikipedia auf zwei Beinen“ sind daher Spitznamen, die gar nicht ausbleiben können. All dies aber ist immer liebevoll und freundschaftlich gemeint, denn Jons Brandenburg ist nicht, wie man vielleicht denken könnte, ein langweiliger Stubenhocker und Bücherwurm, sondern ganz im Gegenteil: er strahlt echte Lebendigkeit aus, er ist fast immer fröhlich und gut gelaunt, und stets ist er für Spaß genauso zu haben wie für ein tiefgehendes zwischenmenschliches Gespräch, in dem er auch zugewandt und einfühlsam zuhören kann. Lieber aber redete er selber, und wenn jemand soviel weiß wie er, dann versteht es sich von selbst, dass er kaum einmal eine Frage mit Ja oder Nein beantwortete, sondern in der Regel zu längeren Erörterungen ausholte, gern auch mit relativ kompliziert gebauten Satzkonstruktionen. Wer sich aber die Mühe machte, sich darauf einzulassen und Jons zuzuhören, der merkte schnell, dass hier wirklich jemand den Dingen auf den Grund ging und den tieferen Zusammenhang und Sinn von allem suchte, ein Philosoph, zugleich aber auch ein Poet, der in all dem stets für die Schönheit der Welt empfänglich war. In der Freizeit fotografierte er gern, mit dem geliebten Hund Paul bricht er zu ausgedehnten Spaziergängen auf, und mit dem Fahrrad geht es auf immer neue, große Touren. So erkundet er u. a. gemeinsam mit seinem Vater Litauen, und eine Indienreise war geplant. Sein phänomenaler Orientierungssinn war bei diesen Unternehmungen natürlich hilfreich. Ein leckeres Essen und unberührte Natur konnte er genießen. Er war zielstrebig und zugleich gelassen, chillig und zugleich wahnsinnig fleißig, unbedingt zuverlässig und zugleich hin und wieder ein klein wenig unpünktlich. Er war ein liebevoller Sohn und Enkel und ein toller großer Bruder. Er war, mit einem Wort, ein Freund.

Schließlich aber bildet sich doch ein ganz besonderer Schwerpunkt heraus, und zwar alles, was mit Computer zu tun hat, und so entscheidet er sich nach dem Abi in 2010 für das Studium der Informatik. Studienort konnte nur die Leibniz-Universität in Hannover werden, denn schon während der Schulzeit hatte er sich immer wieder an von der Uni ausgeschriebenen Wettbewerben beteiligt und vordere Plätze belegt. Bald ist eine kleine WG mit lieben Mitbewohnern in Uni-Nähe gefunden, und das einzige, was fehlt, ist eine Badewanne. Auf gewohnte Weise engagiert Jons sich aber sofort auch wieder im sozialen Bereich. So arbeitet er im Fachrat Informatik mit, er wird Vizepräsident des Studentischen Rates und Tutor für die Erstsemester u.v.m. Schon hatte er sich entschlossen, auch das Studium der Soziologie aufzunehmen, denn auch Politik, Umwelt und die Lebensbedingungen der Menschen waren Anliegen, die ihn sein Leben lang beschäftigten.

So kommt der 23. Mai, ein Tag wie jeder andere. Am Abend sitzt Jons wie gewohnt am Schreibtisch am Computer, als er nach Mitternacht ganz plötzlich gestorben ist. Der Tod kommt sekundenschnell und ohne Schmerzen zu ihm. Er wird 21 Jahre alt.

So müssen wir uns heute von ihm verabschieden, und das fällt so unglaublich schwer. 21 Jahre, das ist ja gerade der Anfang des Lebens. Was können wir dazu jetzt sagen? Wir haben 1000 Fragen und bekommen doch keine Antwort. Warum geschieht so etwas? Warum er, warum so früh? Gibt es da überhaupt einen Sinn oder einen Trost? Die Antwort auf diese Fragen kann, wenn überhaupt, nur im Leben selber liegen, und zwar in dem Leben, das Jons gelebt hat. Er wusste nicht, dass die Kraft seines Herzens und seines Körpers nach etwas über 21 Jahren aufgebraucht sein würde. Aber in dieser Zeit hat er gelebt. Ein Leben voller Fröhlichkeit und Energie, voller Interessen und leidenschaftlicher Suche nach dem Sinn. Ein Leben voller Freundschaft und Liebe, voller Lebendigkeit und Glück. Sein Leben war kurz, zu kurz, keine Frage. Aber sein Leben war einzigartig wertvoll, jeden Tag und jeden Augenblick. Es war ein Leben, wert, genauso gelebt zu werden, wie er es gelebt hat. Es bleiben reiche Spuren davon zurück. Und so nehmen wir nun, traurig, aber auch dankbar, in Freundschaft und Würde von Jons Brandenburg Abschied.

Thomas Gerner
freier Trauerredner
Langenbeckstr. 26
34121 Kassel
www.reden-undmehr.de

 


Sein Hund Paul ist am 28.08.2016 seinem besten menschlichen Freund Jons gefolgt.



Home  |  Zurück  |  Seitenanfang