Leben ohne Dich - Für Kira


Kira


Kira
das war Schokopudding und Schwimmbad
durch Schlaglöcher fahren und den Regen genießen
Bäume und Spaghetti Napoli
Dunkelblonde Locken und blaue Augen
Lange Wimpern und ein lautes Lachen
das war Urlaub am Meer
Wind im Gesicht und mit Mama und Papa kuscheln

Kira
das war aber auch Krankenhaus und Blut abnehmen
Krämpfe und EEG
Medikamente und Nebenwirkungen
Tränen und Verzweiflung
Kampf und Sieg

Sieg über die Krankheit über das Leben

Kira
das war vor allem das größte Glück der Welt
Erinnerung und die ganz große Liebe

Kira das ist mein Engel mit Turnschuhen
 

Kira
Ö-chen – Königin
Sonnenschein – Zaubermaus – Vögelchen
Hexe – Kämpferin
Sternenkind


Kira
 

Kira

Der schönste Tag in meinem Leben war der 08.01.2000, das war der Tag an dem ich mein Ö kennenlernte.

Bis zu diesem Tag hieß sie noch Kira und war in meinem Bauch. Aber um Punkt 9 Uhr morgens wollte sie mal etwas anderes sehen und kam auf die Welt. Es war eine problemlose Geburt und sie stellte sich auch gleich vor: "Ö" war das erste, was sie "sagte" als sie auf meiner Brust lag. Und so wurde sie dann auch von allen genannt Ö-chen.

Die ersten Tage waren etwas ungewohnt für sie. Das mit dem Trinken klappte nicht so wirklich. Aber nach und nach gewöhnte sie sich an die Flasche und wir durften nach Hause.

Nicht nur was die Ernährung anging war sie etwas anders, auch in ihrer gesamten Entwicklung entdeckten wir bald Besonderheiten. Als sie dann 8 Monate alt wurde, war der Grund offensichtlich. Sie begann zu krampfen.

Epilepsie war die Diagnose, die die Ärzte im Krankenhaus stellten. Es folgten 3 Monate Klinik, mit hochdosierten Medikamenten, die Kira nicht nur äußerlich veränderten. Aus meinem fröhlichen, gutgelaunten Kind, das gerade noch zum ersten Mal laut gelacht hatte, wurde ein nervöses schreiendes Baby, das alles verlernte, was es sich so mühsam erarbeitet hatte.

Aber die Krämpfe waren im Griff. Als wir nach der langen Zeit die Klinik wieder verließen, war es ein Neuanfang. Es war klar geworden, dass Kira anders war und immer sein würde. Eben ein besonderes Kind.

Aber genau dieses besondere Kind liebte ich so sehr. Sie zeigte mir, dass trotz wiederkehrender Krämpfe das Leben schön und lebenswert war. Sie liebte Bäume und konnte stundenlang den Vögeln zuhören. Sie hat mir klar gemacht, dass Schokopudding durchaus eine ausgewogene Mahlzeit ist, wenn man ihn mit Apfelsaft hinunterspült.

Auf einmal rannten wir nicht mehr durchs Leben. Ich lernte die Welt mit Kiras Augen zu sehen. Und genoss jeden Moment mit meiner Königin.

Leider wurden die Tage, an denen wir zu Hause waren, immer seltener. Die meiste Zeit verbrachten wir in Kliniken auf der Suche nach einem Medikament, das endlich den erhofften Erfolg bringen sollte.

Im Sommer 02 dann der große Einbruch. Nach einem fast ruhigen Frühjahr passierte das, vor dem ich immer die größte Angst gehabt habe. Kira viel in einen Status (Dauerkrampf). Und es gab keine Möglichkeit sie heraus zu holen. Die Ärzte waren ratlos.

10 Wochen kämpften sie um Kira – ohne Erfolg. Ich werde nie den Moment vergessen, als der Oberarzt zu mir kam und mir sagte, dass wir uns überlegen sollten, was wir tun möchten, wenn Kira aufhört zu atmen. Ob sie an Maschinen angeschlossen werden sollte oder nicht. Ich habe ihn wohl nur entsetzt angesehen und bin aus dem Zimmer gelaufen. Uns war nicht klar gewesen, wie ernst die Sache war.

Aber Kira zeigte uns auch dieses Mal den Weg. Sie schaffte es den Status zu durchbrechen. Nun bekam sie ein Tracheostoma (Luftröhrenschnitt) und eine Dauerernährungssonde. Sie war nicht mehr die Kira die ich kannte. Sie zeigte mir ganz deutlich, dass sie keine Kraft mehr hatte, sie wollte nicht mehr kämpfen. Sie war zwar wieder da, aber ich merkte immer deutlicher, dass sie schon einen Schritt zu weit gewesen war.

Wir entschlossen uns nicht weiter gegen Kira zu kämpfen und gingen ins Kinderhospiz Bärenherz. Dort blühte Kira noch mal auf. Sie war auf dem Martinsumzug und hat mit Weihnachtsplätzchen gebacken. Auch kamen ihre Schwestern aus der Klinik sie oft besuchen. Kira durfte im Bärenherz einfach Kira sein. Nicht mehr die Krankheit stand im Vordergrund, sondern sie als Mensch.

Ihr aller größtes Geschenk an uns war, dass sie noch Weihnachten mit uns verbracht hat. Die Schwestern hatten ihr Zimmer geschmückt und wir feierten dort. Wir waren nach so langer Zeit fast wieder eine "normale" Familie.

In der Nacht vom 27.12. auf den 28.12. hat Kira sich dann entschlossen, ein Engel zu werden. Es war eine Nacht mit vielen Hoch und Tiefs und ich habe ihr mehr als einmal gesagt, dass sie gehen darf. Ich weiß, dass sie noch gewartet hat bis auch ihr geliebter Papa so weit war. Mein störrischer kleiner Zwerg ist erst gegangen, als sie zwischen uns auf dem Sofa lag, dort wo sie immer am liebsten war. Sie ist "kraftvoll" gegangen, genau so wie sie gelebt hat. In dem Moment als sie ging, um genau 6:30 Uhr, ist für mich die Zeit stehen geblieben.

Ich bin mir sicher, dass sie den Moment genau ausgewählt hat. Hätte sie Silvester noch erlebt, wäre es ein Versprechen für das neue Jahr gewesen, dass sie nicht hätte halten können.
Wir vermissen sie so schrecklich.

Mein Ö-chen, ich wollte nie etwas anderes sein als deine Mama!!!!

Nun muss ich lernen ohne dich zu leben.

Kira, ich liebe dich und verspreche dir genau so stark zu sein und zu kämpfen, so wie du mir das beigebracht hast.

Deine Mama und Papa
 



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