Leben ohne Dich - Für Martin


Martin



Martin wurde am 06.11.1986 in Heidelberg geboren.

Er hatte schwerste Herzfehler, die damals noch nicht operabel waren. Auch hätte er sofort einen Herzschrittmacher gebraucht, aber es gab für Babys nirgends welche... Also bekam er am Morgen nach seiner Geburt einen Herzkatheter gemacht und über diesen Zugang wurde ihm ein Schrittmacher gelegt. Bewegen durften wir ihn nun gar nicht. Der Schrittmacher selber hing an seinem Bett, das Kabel ging in seiner Leiste in seinen Körper.

Aber er war ein kleiner Kämpfer.

Medikamente halfen ihm, dass sein Herz schlug, und er durfte sogar mit nach Hause. Nach 4 Monaten auf und ab war das toll. Auch wenn er alle 2 Stunden seine Medikamente brauchte. Nach einem halben Jahr bekam er dann einen Schrittmacher, der war aus den USA eingeflogen worden, als es ihm schlechter ging.

Danach ging es ihm gut. Er kompensierte die Herzfehler. Als es ihm mit 2 Jahren wieder schlechter ging, wurde er im Deutschen Herzzentrum München das erste Mal am offenen Herzen operiert. 15 Stunden und wir hatten eine Erfolgschance von 4% unterschrieben.

Aber unser Kämpfer schaffte es, und 14 Tage nach der OP waren wir wieder zu Hause.

Mit 4 Jahren dasselbe wieder, aber auch dort erholte er sich wieder. Und nach der OP ging es ihm gut.

Er war jährlich zur Untersuchung und zur Schrittmacherkontrolle. Er war ein Räuber und unser Sonnenschein.

Mit 12 wurde er immer müder, war nicht mehr belastbar. Als wir nach Heidelberg fuhren, wusste ich eigentlich schon, was die Ärzte uns sagen würden.

Und so war es. Martin brauchte ein neues Herz. Oder er würde sterben. Die Eingangsuntersuchungen wurden gestartet. Die Zeit rannte davon.

Aber auch dies war für Martin nur eine neue Herausforderung, die es galt zu meistern. Das Herz kam 5 Tage nachdem er auf der Warteliste gestanden hatte. Und ein Vierteljahr später ging er wieder zur Schule. Und er holte den verlorenen Stoff auf.

In der Pubertät und mit den Problemen der Herztransplantation wurde Martin nicht einfacher, aber auch wieder fröhlicher und es ging ihm gut.

Er nahm nichts hin, hinterfragte alles. Seine Freunde gingen ihm über alles. Mit 17 Jahren wollte er für 2 Jahre nach Bremen um eine Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten zu machen. Außerdem hatte er dort seine erste feste Beziehung. Aber schon im Frühjahr 2005 war klar, dass er sehr unter Heimweh litt.

Und im Juli wollte er mit allen Konsequenzen wieder nach Hause. Die Beziehung war zu Ende und eine Ausbildung wollte er nun doch hier bei uns machen.

Er war erwachsener geworden. Ernster, aber sein sehr feiner Humor war noch ausgeprägter. Er lachte gerne und viel. Er legte auch wieder viel Wert auf gemeinsame Essen mit uns. Oder er saß bei uns und schaute mit uns Fernsehen. Oder er diskutierte mit mir über alles und die Welt.

Im Dezember fand er dann eine Ausbildungsstelle und er wollte nun den Führerschein machen.

Bei einer Ultraschalluntersuchung im November stellte der Oberarzt fest, dass das Myocard wieder etwas verdickt war. Nicht bedrohlich, aber doch sichtbar. Und er machte mit Martin einen Termin zur Jahresuntersuchung

Nach einem schönen Weihnachtsfest mit uns und einem ausgelassenen Fest zu Sylvester mit Freunden ging Martin sehr fröhlich ins Neue Jahr. Seine Chefin war sehr gelassen im Umgang mit der Transplantation (das hatte er auch schon anders erlebt) und hatte ihm für die Jahresroutineuntersuchung alles Gute gewünscht.

Wie immer wollte er diese Untersuchung in Vollnarkose. Es war ihm suspekt, dass ihm jemand am Herzen herumbohrt. Und die Untersuchung war auch schon vorbei, er atmete wieder selbständig und der Tubus war draußen. Da ging es ihm auf einmal schlecht. Warum wissen wir bis heute nicht. Auf jeden Fall wurde er eine Stunde reanimiert. Die Ärzte versuchten alles, aber er konnte nicht mehr hier bei uns bleiben.

Wir leben seit diesem Anruf aus der Klinik wie im Schock. Wir können es nicht fassen. Martin starb am 18.01.2006.

Wir sind dann hingefahren, und wir durften Abschied nehmen. Er sah ganz friedlich aus. Als ob er schläft. Der Staatsanwalt hatte ihn schon beschlagnahmt, und so mussten alle Katheter und auch der Tubus (den er wieder bekommen hatte) drin bleiben. Und es dauerte so unendlich lange (6 Tage), bis er endlich freigegeben wurde.

Wir hatten einen sehr einfühlsamen Bestatter. Wir durften Kleider von Martin (Lieblingsjeans, Jacke) und auch seine Decke bringen. Und wir konnten ihn auch noch einmal sehen. Ohne all die Katheter und den Tubus. Er war schon etwas verändert, und er war so kalt. Aber ich konnte ihn noch mal streicheln, ihm alles sagen, Abschied nehmen. Und ich konnte ihm sein Stofftier, das er immer überall mitgenommen hatte, mitgeben.

Martins Wunsch entsprechend wurde er eingeäschert und er hatte eine Urne, die seinem Glauben nach einem Leben auf einem Stern wie beim kleinen Prinz nahe kommt. Seine Beerdigung fand am 27.01.2006, einem Freitag, statt. Wir waren überwältigt von der Anteilnahme. Ca. 300 Menschen und davon 200 Freunde, Schulkameraden und Bekannte von Martin haben mit uns von ihm Abschied genommen. Wir hatten gewusst, dass er beliebt war, aber das sprengte unsere Vorstellungskraft. Es tat gut, dies zu sehen. Manchmal wünsche ich mir, er hätte es auch gesehen und gewusst. Um mir dann gleich zu sagen, dass er es sieht und weiß.

Seither ist es bei uns so still. Sein Lachen, seine Scherze auch sein Schimpfen fehlen uns so sehr. Jeder Tag wird im Moment immer schwerer zu ertragen.

Martin, wir vergessen dich nie, du wirst immer bei uns sein.
 



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