|

August 2001 zu Michels Einschulung


|
Der Tag an dem es geschah
Am 8. März 2002 hatte mein Sohn Michel eigentlich Stubenarrest. Gegen 15:30 Uhr hatte er mich dann doch überredet, dass er zu seinem Freund fahren darf. Mit dessen Mutter war abgemacht, dass Michel um 18:00 Uhr zu Hause sein muss. Er durfte die Gartenstadt nur verlassen, um seinen Freund zu besuchen. Das hat auch immer prima geklappt.
Gegen 18:30 Uhr war Michel immer noch nicht zu Hause. Ich hatte schon den ganzen Tag so ein "komisches "Gefühl". Ich habe dann Klaus, den Ehemann meiner Freundin, gebeten mit mir loszufahren, um ihn zu suchen. Mein Mann hatte an diesem Abend Spätschicht.
Wir fuhren los und erwarteten, den Michel jeden Moment zu sehen. Doch dies geschah nicht. Mir war ganz elend. Es war anders als sonst (wir mussten ihn schon mehrfach suchen).
Unterwegs, wir suchten schon eine ganze Weile, kamen wir am Bahnhof vorbei. Da war eine Menge los. Bundesgrenzschutz und ganz viele Menschen. Irgendwie wollten wir dort schauen, ob Michel vielleicht da ist, weil da so viel los war. Er hat gern überall zugesehen. Irgendwie haben wir uns das aber ausgeredet. "Nein, der schleppt sein Fahrrad nicht die Treppen hoch. Da steht kein Fahrrad."
Nach einer weiteren Runde das gleiche Spiel. Wieder am Bahnhof vorbei und nicht hinein gegangen. Ich sagte zu Klaus "Diesmal kommen wir um die Hilfe der Polizei nicht herum". So habe ich mich noch nie gefühlt.
Auf dem Weg nach Hause trafen wir eine Bekannte beim Jugendtreff und gaben ihr Klaus' Handynummer. Dann kam der Anruf. Die Polizei hatte am Jugendtreff eben diese Bekannte angetroffen (sie schmückte die Räume für ihre Geburtstagsfeier), die gab ihnen dann auch die Handynummer. "Hier ist die Kriminalpolizei, sie suchen einen kleinen Jungen?" "Ja". "Wir haben am Bahnhof ein Fahrrad gefunden. Können Sie bitte zum Jugendtreff kommen?"
Wir hin. Mein Herz wurde schwer und ich konnte kaum atmen. Als wir da hinein kamen, sah ich dort schon Michels Fahrrad stehen. Dies hatte die Polizei beim Stellwerk gefunden. Daneben stand ein großer, blauer Sack. Ich bestätigte dem Polizisten, dass dies Michels Fahrrad sei. "Wir müssen Ihnen etwas ganz Schlimmes mitteilen. Ihr Sohn ist vom Zug erfasst worden." Mir war, als reißt mir jemand ein Stück von mir selbst aus mir raus. Es rauschte in meinem Kopf und ich konnte nur immer "Nein, nein, nein....." schreien. Der Polizist sagte: "Wir haben hier noch ein paar Sachen, sehen Sie mal bitte, ob die Ihrem Sohn gehören?" Er öffnete den Sack und holte ein Stück von Michels Helm heraus. In dem Moment ist in mir etwas gestorben. Ich fragte immer wieder: "Was ist mit Michel?", bekam aber keine Antwort. Klaus sagte: "Karen, der Helm ist nur zerschnitten worden." Um mich zu beruhigen. Denn bis jetzt hatte niemand gesagt, dass Michel tot ist. Aber ich wusste es auch so. Es war mir, als hätte jemand mein Gehirn abgeschaltet. Ich hörte Klaus mit dem Beamten reden und habe nichts davon verstanden. Ich lief von dem Moment an nur noch mit Klaus mit ohne irgendwas zu kapieren.
Wir sind dann zum Krankenhaus gefahren. Klaus rief meinen Mann an. Der kam dann auch sofort dorthin. Wir haben noch endlos auf den Arzt warten müssen. Der kam und sagte meinem Mann: "Ihr Sohn ist gestorben." Michael, mein Mann, schrie: "Nein, das kann doch nicht wahr sein!! Mein Michel, mein Michel." Ich stand dabei und kapierte immer noch nicht, was da abging und dachte nur, warum sagt dir hier keiner was. Wir mussten dann in den Keller. Mein erster fast klarer Gedanke war, was sollen wir denn im Keller? Der Polizist sagte dann: "Wir können es Ihnen leider nicht ersparen." Wir gingen einen kleinen Gang lang, um die Ecke und dann sah ich ihn...
Bevor ich irgendwie reagieren konnte, stürzte sich mein Mann auf unser totes Kind und riss ihn an sich. Ich war wie tot. Nach einer Weile drückte ich meinen Mann zur Seite. Da lag mein Kind und sah so anders aus. Die Pfleger hatten ihn zum größten Teil abgedeckt. Aber ich konnte sehen, was mit ihm geschehen war. (Das brauche ich nicht beschreiben. Jedermanns Phantasie dürfte ausreichen um sich ein Bild zu machen.)
Seinen Kopf hatten sie so gelegt, dass man die fast unverletzte Seite sehen konnte. Ich habe aber über ihn hinweggesehen und sah auch die andere. Als ich ihn berührte, war er schon nicht mehr warm. Ich dachte: "Der ist ja gar nicht mehr da!?" Dann bin ich rausgelaufen. Draußen stand schon die Familie meines Mannes und alle starrten mich an. Nach Begrüßung und Drücken habe ich Klaus gebeten, mich nach Hause zu fahren.
Für meinen Michel, jeg elsker dig, Deine Mama
|