Leben ohne Dich - Für Nadine


Nadine


Es begann alles an einem Donnerstag Mittag, es war ein wunderschöner warmer Sommertag, die Zwillinge saßen am Frühstückstisch und planten schon ihren Tag, Nadine zählte schon die Tage bis zu ihrem Geburtstag, sie saß bei ihrem Papa und fragte die ganze Zeit, wie lange sie noch schlafen muss bis sie dann endlich Geburtstag hat. Sie war so aufgeregt und ich erst, denn ich hatte eine Feier im Ravensburgerland geplant, es sollte eine Überraschung werden!!

Am Mittag hatte sie noch einen Zahnarzttermin und danach wollten wir alle an den Badesee. Der Zahnarzttermin war nicht gerade angenehm für sie, sie bekam eine Spritze und sie weinte bitterlich vor Schmerz, ich hielt ihre Hand und musste wie immer mitweinen!!

Endlich vorbei fuhren wir dann nach Hause und packten so langsam unsere Sachen, mir aber wurde ganz flau im Magen und ich wollte auf einmal nicht so recht mit, aber Nadine stand vor mir und flehte mich an, sie wollte unbedingt mit ihrer Tante und ihrem Cousin an den Badesee und weil ich es doch versprochen hatte, muss ich es jetzt halten!!

Ich ließ mich überreden, und meine Schwester nahm Nadine schon mal mit und wollte vorfahren, ich sollte mit Marvin, ihrem Bruder, dann nachkommen. Als ich sah, dass sie meine Kleine einfach so mitnehmen wollte, wurde ich sauer und ich sagte ihr, dass ich nur zusammen mit den Kindern fahre, ansonsten fahre ich gar nicht!! Gesagt getan, meine Schwester fuhr vor und ich kam etwas später nach.

Die ganze Fahrt über strahlte Nadine und sie freute sich unheimlich aufs Wasser, ich schaute sie oft im Rückspiegel an und freute mich, dass sie glücklich ist. Angekommen, düste die Kleine los und suchte ihre Tante und ihren Cousin, "endlich" rief sie auch schon und rannte so schnell sie konnte zu ihnen.

Wir zogen uns alle aus und ich blies noch schnell die Boote auf, die ich zuvor aus dem Garten holte. Wenn ich damals gewusst hätte, dass sie meiner Tochter zum Verhängnis werden, hätte ich sie nie geholt!!

Wir gingen alle ins Wasser und hatten einen Riesenspaß, aber nach einer halben Stunde wollten die Jungs raus um eine Sandburg zu bauen, also gingen wir auch raus, nur Nadine wollte noch drin bleiben und etwas plantschen. Ich erlaubte es ihr und meine Schwester, mein Schwager und ich setzten uns hin. Wir saßen gleich am Ufer, um ganz nah bei den Kindern zu sein.

Ich schaute nach den Jungs, denn sie waren etwas weiter weg und ich hatte Angst, dass mein Sohn, der eh etwas lebhaft ist, wieder Dummheiten macht. Ich war auch fest davon überzeugt, dass meine Schwester nach Nadine schaut, aber das war ein fataler Fehler, sie cremte sich ein und dachte, dass ich oder ihr Mann ein Auge auf Nadine hat.

Nach fünf Minuten drehte ich mich um und schaute nach Nadine, aber es war keine Nadine mehr im Boot und das Boot war auch ganz woanders. Ich fragte meine Schwester wo sie sei, aber sie wusste es nicht. Ich fing an sie zu suchen, ich sprang ins Wasser und ich sah, dass das Boot gekippt war. Oh Gott, dachte ich und fühlte auch schon, dass was Schlimmes passiert ist.

Das Wasser war nicht tief und sie war auch nicht unter dem Boot, also ging ich wieder raus und suchte sie draußen, vielleicht ist sie auf dem Spielplatz, aber da war sie auch nicht. Die anderen riefen auch schon die Feuerwehr und die DLRG, die kamen innerhalb von 10 Minuten und der Notarzt gleich mit, nicht zu vergessen die Polizei.

Sie fragten mich, wo ich sie denn zuletzt gesehen habe, aber ich war so unter Schock, dass ich es nicht mehr genau sagen konnte, ich war voller Panik und Angst um mein Kind. Meine Schwester zeigte es dann dem Rettungsschwimmer, wo sie Nadine zuletzt gesehen hat. Er nahm sein Boot und schwamm gleich los, der Notarzt nahm mich an die Hand und wollte noch mal auf den Spielplatz, aber ich wusste, dass sie da nicht ist und in dem Moment als ich das dachte, drehte ich mich um und sah auch schon wie sie mein kleines Mädchen aus dem Wasser geholt haben.

Ich sofort hin zu ihr, aber man ließ mich nicht zu ihr, alle hielten mich fest und ich fing an zu schreien, ich dachte nur so kann sie mich hören und nur so kann sie um ihr Leben kämpfen. Im Innersten aber fühlte ich, dass sie tot ist und ich sie nie wieder in den Arm nehmen kann!!

Die Ärzte haben alles versucht, aber leider konnten sie nichts mehr für sie tun, sie starb gegen 16 Uhr in der Karlsruher Klinik!

Ich und mein Mann fuhren dann in die Klinik und man sagte uns, dass sie es nicht geschafft hat. Wir durften noch zu ihr um uns zu verabschieden, es war so schmerzhaft sie da so liegen zu sehen, ich nahm sie in den Arm und fing an, sie zu küssen und ich konnte es immer noch nicht glauben, dass sie tot ist. Mein Mann saß nur da und sagte nur immer wieder: sie ist tot, sie ist tot!!

Es kamen noch viele ins Krankenhaus um sich von ihr zu verabschieden, es war das Schlimmste, dass ich jemals im Leben erlebt habe. Nach zwei Stunden fuhren wir dann heim, aber vorher hat die Ärztin noch ein Foto von Nadine gemacht und es mir gegeben. Heute bin ich froh, dass ich es habe!!
 

Nadine


Ich habe mir nie verziehen, dass ich sie habe ertrinken lassen, ich war doch immer vorsichtig, aber leider kann man dem Schicksal nicht entgehen!!

Zuhause angekommen, kam dann auch noch gleich die Kripo und hat mich verhört, aber ich wollte nur noch eins: sterben um bei ihr zu sein!! Es wurde auch ein Verfahren eingeleitet, das aber wieder eingestellt wurde. In dem Schreiben hieß es, dass ich verantwortlich bin für den Tod eines Menschen, von Strafe aber abgesehen wird, weil ich mit dem Tod meiner Tochter genug gestraft sei!!

In der Zeit hätte ich sogar die Todesstrafe genommen nur um bei ihr zu sein!!

Am 01.08.01 war dann endlich die Beerdigung. Ich sage endlich, weil sie bis dahin von der Kripo nicht freigegeben war, der Kripobeamte war so nett und hat sich beim Staatsanwalt gegen eine Obduktion eingesetzt!!

Die Zeit, die sie im Kühlhaus war, habe ich genutzt um mich noch mal richtig zu verabschieden, ich habe sie sogar selber angezogen und zurecht gemacht, ihr Bruder wollte sie sehen und er war auch immer bei ihr wenn ich da war. Wir streichelten immer ihr Haar und gaben ihr dann immer einen Kuss auf die Stirn!! Mein Mann hat sich auch verabschiedet, aber anziehen konnte er sie nicht mit mir, dabei hat mir meine Schwester geholfen!!

Es war ein schwerer Abschied, es waren so viele Menschen da, ich weiß gar nicht wie ich und mein Mann das alles überstanden haben. Vor allem mein Sohn hatte es doppelt schwer, er verlor seine Schwester und mich als Mutter!!

Heute, zwei Jahre später, hat sich vieles verändert, Wir haben uns verändert, man sieht heute alles anders vor allem aber sieht man Kinder nicht mehr als selbstverständlich!!
 

Nadine


Liebe Nadine, wir vermissen Dich und wir lieben Dich unendlich, ich weiß, dass es noch eine Weile geht bis wir uns sehen, aber zuerst muss ich meine Aufgaben hier erfüllen, ich lebe noch, warum das so ist, weiß ich nicht, aber alles im Leben hat einen Sinn, eins weiß ich: irgendwann werde ich Dich wieder im Arm halten dürfen!!

In Liebe, Deine Eltern


Mein kleiner Sonnenschein, ich habe Dich geboren und ich habe Dich zu Grabe getragen. Ich werde es nie verstehen, Du hattest so viel vor und Du hattest immer einen großen Wunsch: eine kleine Schwester war Dein Wunsch, den ich Dir nicht erfüllen konnte. Ich habe Dir am Grab geschworen, dass Du eine kleine Schwester bekommst, meine Maus. Dein Wunsch ist nun Wirklichkeit, Du hast jetzt eine Schwester und einen Bruder, der zwar nicht vorgesehen war, den wir aber als Geschenk sofort angenommen haben. Sie sind kein Ersatz, aber wir können die Liebe, die wir im Herzen haben, diesen kleinen Geschöpfen geben.

In Liebe, Deine Mama
 



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