Leben ohne Dich - Für Pascal

Pascal


Pascal ist nun bald drei Jahre nicht mehr bei uns und es fällt mir immer noch sehr schwer darüber zu schreiben, wie alles begann und endete, aber ich glaube dieser Schritt ist wichtig für mich, um meine Trauer weiter verarbeiten zu können.

Pascal wurde am 13.07.1999 um 11:06 Uhr geboren. Er sollte eigentlich, laut zwei Ärzten, ein kleines Mädchen, Lara, werden. Mein damaliger Mann wollte schon eher einen Jungen und er war auch glücklich, dass es dann doch ein kleiner Pascal war.

Für mich war es erst einmal komisch: Vier Monate dachte man es wird ein Mädchen, aber dann war er mein kleines "Speckbäckchen", so nannte ich ihn, weil, ich möchte es mal so ausdrücken, er war in dem ersten Jahr schon etwas moppelig, grins.

Pascal wuchs in den ersten drei Jahren als ein sehr fröhliches Kind auf. Er war zwar sehr schüchtern und manchmal auch sehr ängstlich, aber dann wiederum war er ein kleiner Kasper.

Sein Papa und ich trennten uns, da war Pascal 3 ½ Jahre. Eigentlich hatte er es ganz gut verkraftet, da er seinen Papa auch weiterhin täglich sehen konnte. Nach einem ¾ Jahr hatte ich auch wieder einen Freund und mit ihm kam er auch gut klar, er war sein großer Kumpel, sagte er.

Es lief alles sehr gut, bis Ende April 2004. Pascal bekam Windpocken, er freute sich noch darüber, weil er der letzte im Kindergarten war, der sie bekam. Nach einer Woche bekam er Kopfschmerzen, wir sind zum Kinderarzt und der sagte uns, dass sich in 3% der Fälle mal eine Pocke im Kopf festsetzen könnte, aber das wäre nicht schlimm und würde bald vorbei gehen.

Ging es aber leider nicht, es wurde schlimmer. Am 12.05.04 sagte Pascal mir morgens, dass der Boden wackelt und die Kopfschmerzen wurden stärker. Wir gingen wieder zum Arzt, aber er meinte wieder wir sollten abwarten.

Am Freitag den 14.05.04 hat Pascal auf nüchternen Magen erbrochen und wieder Kopfschmerzen und Schwindel gehabt. Ich bin sofort ins Krankenhaus, und der Arzt dort hatte gleich den Verdacht auf Hirntumor.

Für mich ist eine Welt zusammen gebrochen. Wie denn das, ich dachte es sind doch "nur" Windpocken. Am Nachmittag wurde gleich ein MRT (Kernspin) gemacht, und da hatten wir es schwarz auf weiß: ein kartoffelgroßer Tumor am Kleinhirn.

Was da in mir vorging, kann ich mit Worten gar nicht beschreiben. Irgendwann dachte ich dann, okay gut, da müssen wir jetzt durch. Wird schon alles gut. Wir hatten für die Nacht ein großes Zimmer im Krankenhaus bekommen und mein Ex-Mann und ich durften beide bei ihm bleiben. In der Nacht kam jede halbe Stunde eine Schwester und schaute nach seinem Blutdruck und in seine Augen. Wir kamen alle drei nicht zur Ruhe. Aber Ruhe, wo wir doch wussten, dass er am nächsten Tag notoperiert wurde!

Am 15.05.04 ist er um 7 Uhr morgens abgeholt worden. Sie brauchten bis mittags um Pascal für die schwere Operation vorzubereiten. Die OP dauerte ca. sieben Stunden und wir durften abends um halb acht Pascal das erste Mal wieder sehen.

Ich weiß heute nicht mehr, wie wir diesen Tag überstanden haben, aber wo wir Pascal gesehen haben, war es das größte Geschenk für mich. Es war zwar schlimm, ihn mit den ganzen Geräten und Schläuchen zu sehen, aber er war da. Die Ärzte sagten uns, dass die OP gut verlaufen ist und sie den Tumor gut entfernen konnten, aber sie sagten auch gleich, dass sie das Gefühl haben, es sei ein sehr bösartiger Tumor.

Die Zeit des Wartens war unerträglich bis das Ergebnis kam. Leider hatten die Ärzte recht. Es handelte sich um einen Meduloblastom Grad 4. Das hieß für uns Chemo und Bestrahlung.


Pascal


Ich habe angefangen ein Schubladendenken aufzubauen, egal wie schlimm es wird, alles in eine Schublade und sie zumachen, es wird schon alles gut. Ich habe den Gedanken, dass es Pascal nicht schaffen könnte, erst gar nicht an mich ran gelassen.

Zu seinem 5. Geburtstag durften wir nach Hause und wir haben eine kleine Feier gemacht. Das hatte uns allen gut getan und wir konnten etwas Kraft schöpfen für die schweren Therapien. Pascal konnte mittlerweile wieder ganz gut laufen und ich habe ihm gesagt, dass er ganz tapfer kämpfen muss, denn er wäre doch der Mann in meinem Leben.

Wir haben mit Pascal von Anfang an über seine Krankheit gesprochen. Es gibt hilfreiche Bücher, die sogar uns geholfen haben es besser zu verstehen. Er hat auch für sich selber Pläne gemalt wie er die bösen Zellen besiegen kann. Für uns stand fest: "Pascal wird gesund".

Die Chemozeit hat er mehr oder weniger gut verkraftet. Er hatte einen Port gelegt bekommen, wo die Chemo durchlief, auch im Kopf haben sie einen Schlauch gelegt, wo er jedes Mal eine Chemospritze bekam. Mein ängstliches Kind wurde ein richtig tapferer großer Junge. Man dachte kaum noch, dass er erst fünf Jahre alt war.

Nach der Chemotherapie wurde wieder ein MRT gemacht und nach langem Warten auf das Ergebnis kam der erlösende Anruf: der Tumor war weg. Mein Ex-Mann, Pascal und ich haben vor Freude geweint und sogleich wieder Zukunftspläne gemacht.

Leider war das nur von kurzer Dauer. Pascal hatte bis zur Bestrahlungstherapie eine vierwöchige Pause. Genau wo wir mit der Bestrahlung beginnen wollten, fingen die Kopfschmerzen und das Erbrechen wieder an. Es wurde ein MRT gemacht und das schreckliche Ergebnis war: drei neue Tumore!

Ich wusste nicht weiter, habe nur noch geschrien und geweint. Trotz allem haben wir mit der Bestrahlung angefangen. Wie schon gesagt, Schublade auf, alles rein und zu. Egal wie schlimm, es wird alles gut.

Die Bestrahlung hat gut angeschlagen. Pascal wurde zweimal am Tag, fünfmal in der Woche, bestrahlt und er hat sich nie beschwert. Es ging ihm viel besser und er wollte auch gesund werden. Wir wollten ihm eine Freude machen. Pascal war der größte Dinosaurier-Fan, hat er von sich behauptet und er wollte unbedingt Paläontologe werden.

An einem Wochenende, wo keine Bestrahlung war, sind wir in einen Dinopark gefahren. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Pascal war das glücklichste Kind auf der Welt. Seine Augen strahlten, als er die vielen großen Dinos gesehen hat. Unbeschreiblich! Der Park war knapp zwei Kilometer groß und Pascal ist die ganze Strecke gelaufen und wollte nicht einmal in seinen Rollstuhl. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es das letzte Mal, dass es ihm wirklich richtig gut ging, natürlich auch nur wegen der vielen Schmerzmittel. Wir mussten ihn alle zwei Stunden wecken und er musste Medikamente nehmen, aber Hauptsache unserem Kind ging es gut.


Pascal


Nach dieser Bestrahlungstherapie wurde wieder ein MRT gemacht. Die Tumore waren zwar kleiner geworden, aber leider noch da. Mittlerweile kam schon Weihnachten und Pascal bekam auch noch eine Gürtelrose. Die letzte Chance sahen wir bei einer Rezidivbehandlung in Bonn. Der Professor von der Uniklinik in Bonn gab uns wenig Hoffnung, aber er sagte, auch wenn es für Pascal schon dunkelgrau ist, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und da war sie wieder, mein Schubladendenken. Pascal bekam Chemotabletten und wenn die anschlagen, könnten wir im Sommer eine Stammzellentransplantation machen. Das hörte sich alles so gut an und wir waren wieder voller Hoffnung.

Leider mussten wir ziemlich schnell merken, dass das für uns nicht mehr in Frage kommt. Der Tumor konnte trotz Tabletten weiter wachsen und noch schlimmer: er setzte Metastasen in der linken Schulter ab. Pascals linkes Schultergelenk war von den Metastasen zerfressen und er konnte seinen Arm nicht mehr bewegen.

Mittlerweile bekam er auch Cortison gegen den Hirndruck. Es war furchtbar, mein Kind war aufgeschwemmt durch die vielen Medikamente und hatte nur noch Schmerzen. Auch jetzt musste ich mich damit auseinander setzen, dass wir den Kampf verloren hatten.

Pascal bekam noch einmal Chemo und Bestrahlung, aber nur noch um ihm die Schmerzen etwas zu lindern. Das Morphium wurde so hoch gesetzt, dass er fast nur noch schlief, und wenn er wach war, hatte er Schmerzen.

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das überstehen konnte, mein Kind so leiden zu sehen und nichts tun zu können. Ich glaube, ich habe einfach nur noch funktioniert, wie eine Maschine, für ihn.

Mitte Mai waren dann auch noch in beiden Knien Metastasen und er bekam zusätzliche Schmerzkatheter. Als sie ihm einen Katheter gelegt hatten, hörte er auf zu atmen, wir haben gedacht, er hätte es geschafft, aber kurze Zeit holte er wieder Luft und sagte: "Mama, Mama".

Die Ärzte meinten, er würde nur für mich kämpfen, ich hatte ihm am Anfang ja gesagt, er müsse für mich kämpfen, denn er wäre ja der Mann in meinem Leben.

Am Freitag den 20.05.2005 ging gar nichts mehr. Die Ärzte wussten auch schon nicht mehr weiter, er bekam schon so viele Medikamente und hatte doch noch so viele Schmerzen. Nachmittags musste Pascal brechen, und er gab immer sich die Schuld, er meinte, er wäre ein blödes Kind und es wäre besser wenn er tot wäre. Ich sagte ihm immer, er wäre das Beste in meinem Leben.

Dann wurde er ganz ruhig und sagte zu mir: "Mama, lass mich bitte gehen, ich kann nicht mehr". Ich fragte, ob ich ihn wirklich gehen lassen soll, und er sagte: "Ja Mama, und im Himmel bin ich dein Schutzengel". Ich sagte: "Okay mein Schatz, dann lässt die Mama dich gehen".

Pascal nannte mich immer Kirschblüte und er sagte: "Ich liebe Dich, meine Kirschblüte". Dann wollte er noch, dass sein Papa diese Nacht bei ihm schläft und wenn er nicht mehr da ist, wollte er einen Dino, der über ihn wacht.

Es waren die letzten Worte, die wir von ihm hörten. Ich ging abends in das Elternzimmer und mein Ex-Mann blieb bei Pascal. Um 2:45 Uhr in der Nacht klopfte mein Ex-Mann an mein Zimmer, ich konnte nicht weinen, ich war wie gelähmt. Pascal war gestorben, ganz friedlich und genau wie er es wollte: sein Papa war bei ihm. Er wusste ganz genau, dass ich die Kraft nicht mehr gehabt hätte, und hat alles für uns geregelt.


Pascal


Mein großer tapferer Junge, er war kein Kind mehr von fünf Jahren, er ist in dem letzten Jahr so gereift und wir konnten von ihm noch soviel lernen.

In meinem Herzen ist er immer ganz nah bei mir.

Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an ihn denke oder von ihm rede.

Der Schmerz, ihn nie wieder in den Arm zu nehmen, ist unerträglich, aber Pascal hat mich gelehrt zu kämpfen und nie aufzugeben.

Pascal: ICH LIEBE DICH!!!!!!

Deine Kirschblüte
 



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