Leben ohne Dich - Für Phillip Fabian



Phillips Geschichte:

Alles fing im Februar 2008 an. Ich ahnte bereits, dass ich wieder schwanger war. Irgendwann im Februar machte ich dann einen Schwangerschaftstest: positiv... Oh mein Gott... So war das nicht geplant.

Die ersten Gedanken waren eine Abtreibung. Wir konnten uns doch nicht noch ein zweites Kind leisten. Wir kamen doch gerade so mit einem Kind über die Runden.

Nach dem ersten Schock haben wir uns sehr schnell für das Kind entschieden.

Mir ging es die ersten Monate ziemlich schlecht. Ich war ständig erkältet, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kopfschmerzen usw. So ab dem 4. Monat ging es aber bergauf.

Im August erfuhren wir, dass wir einen Jungen bekommen. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht. Warum auch immer waren wir der Überzeugung, dass wir doch noch ein Mädchen bekommen werden. Ich war fast ein wenig traurig. Doch von Minute zu Minute freute ich mich immer mehr auf meinen Jungen. Ich fand den Gedanken schön, ein Pärchen zu haben. Mädchen und Junge. Beides aufziehen zu dürfen. Beide Geschlechter zu erleben.

Bis Anfang Oktober war unser Glück perfekt.

Eines Abends bekam ich starke Bauchschmerzen. Ich dachte die Wehen gehen los und fuhr ins Krankenhaus. Es war aber ein Fehlalarm. Die "Vorwehen" zogen sich Tag für Tag hin.

Am Morgen des 15.10. waren sie wieder so stark, dass ich wieder ins Krankenhaus fuhr. Auch da waren es noch nicht die richtigen Wehen. Und ich wurde wieder nach Hause geschickt. Das CTG war wie immer unauffällig. Baby ging es immer gut. Meine Hebamme sagte, es könnte heute, aber auch erst morgen etwas passieren. Ich sollte meine Tasche auf jeden Fall gepackt bereit stehen haben.

Am Freitag den 16.10. hatte ich noch einen Termin bei der Frauenärztin. Auch da, Wehen sichtbar, aber keine "richtigen" Wehen, es könnte heute, aber auch erst morgen oder übermorgen losgehen. Aber es würde sich auf jeden Fall was tun. Am Abend ging ich normal zu Bett. Es zwickte und zwackte höllisch im Bauch. Ich konnte nicht liegen. Beim Laufen ertrug ich die Schmerzen besser.

Wir gingen dann irgendwann schlafen. Um kurz nach 0 Uhr fingen dann richtige heftige Wehen an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es nun tatsächlich die richtigen Wehen sind. Ich quälte mich noch Stunden zu Hause rum. Ich bin irgendwann gegen 1 Uhr aufgestanden und durch die Wohnung gelaufen. Trepprauf, trepprunter... Die Wehen kamen nun schon alle 10 Minuten, von 30 Sekunden bis zu 1,5 Minuten. Um halb 4 rief ich meine Hebamme an und sagte, dass es wohl nun tatsächlich losgeht. Ich konnte sofort ins Krankenhaus kommen. Den werdenden Papa geweckt, den "Babysitter" angerufen, da wir unsere "Große" nicht mitnehmen konnten und wollten, so früh am Morgen.

Alles war so super geplant und hat so toll geklappt.

Um halb 5 war ich dann im Krankenhaus. Das CTG wurde angeschlossen. Baby ging es super. Muttermund bereits 2-3 cm geöffnet. Wir sollten noch eine Stunde umhergehen. Naja, früh morgens in einer Kleinstadt nicht gerade so aufregend. Um 6 Uhr wurde ich wieder ans CTG angeschlossen. Immer noch alles so, wie es sein soll. Muttermund war wieder weiter geöffnet. Ich bekam ein leichtes Schmerzmittel, damit ich die Wehen besser aushielt. Der Papa fuhr gegen 7 Uhr zurück nach Hause zu Sarah. Ich blieb alleine im Krankenhaus. Es war okay für mich. Um halb 9 ging ich zum Entspannen in die Wanne... Um halb 10 wieder aus der Wanne.

Ab da ging das Übel los.

Ich lag wieder im Kreißsaal auf dem Bett. Muttermund komplett geöffnet. Auf einmal überkam mich eine Wehe nach der anderen. Meine Hebamme wollte mir gerade Schmerzmittel geben, da rasten Phillips Herztöne bis auf 50 Spm. runter... Minutenlang... Ich bekam Wehenhemmer. Sie halfen nicht. Phillip erholte sich und ich sollte mich drehen und wenden. Auf den Knien, linksherum, rechtsherum, im Sitzen, Hocken, Liegen. Wir haben alles versucht um es Phillip leichter zu machen. Es half alles nichts. Bei der nächsten Wehe rasten seine Herztöne wieder gefährlich weit runter. Nach einigen Minuten erholte er sich wieder.

Irgendwann gegen 11 Uhr war der Frauenarzt da. Phillip war steckengeblieben... Die Hebamme drückte von oben auf meinen Bauch, ich sollte drücken, so doll es nur geht. Es klappte so einfach nicht. Er sollte dann mit der Saugglocke geholt werden. Da man aber kein weiteres Risiko mehr eingehen wollte, wurde ich in den OP-Saal geschoben. Beim Abklemmen des CTG´s im Kreißsaal hat Phillip noch gelebt.

Endlich, nach 20 Minuten, im OP-Saal angekommen legte man mir die Saugglocke an. Ich sollte wieder pressen, pressen, pressen. Ich habe der Hebamme und dem Narkosearzt (der für alle Fälle bereit stand) die Hände zerquetscht... Die Hebamme machte den "Kristillengriff".

Um 12:02 Uhr kam Phillip dann endlich...

Alle standen wie erstarrt da. Es kam kein Mucks von Phillip, keine Regung. NIX! Er war tot. Es wurde nur seine Hülle geboren. Er atmete nicht, hatte keinen Puls, keine Muskelspannung. Er reagierte nicht auf Stimulation. Seine Körpertemperatur war nur noch 34,5 °C. Er hatte die Nabelschnur um den Hals, aber daran ist er nicht gestorben. Phillip wurde gleich zur Seite gebracht und man reanimierte ihn. Ich lag immer noch auf dem OP-Tisch und bekam eine Narkose.

Phillip wurde ins Bremer Krankenhaus auf die Kinder-Intensivstation verlegt. Auf dem Transport, der gerade so akzeptabel war, durch die Medikamente, erlitt er einen schweren linksseitigen, nicht nachlassenden, von Gehirn gesteuerten Muskelkrampf, der nur mit Medikamenten gegen Epilepsieanfälle unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Er starb an der weißen Asphyxie (Atemstillstand durch Kreislaufzusammenbruch/Sauerstoffmangel während der Geburt). Mit Übersäuerung des Blutes aufgrund des langen Sauerstoffmangels, bis hin zum generellen Organversagen. Sauerstoffmangelbedingte Minderdurchblutung des Gehirns 3. Grades (schwerste Form).

Seine Werte waren dramatisch. Alle Werte waren extremst weit unter bzw. über der Norm. Leber und Niere waren beinahe komplett geschädigt. Sein Blut war durch den langen Sauerstoffmangel extrem übersäuert. Seine Apgarwerte: 0/0/2...

In Bremen wurde er unter kontrollierter Unterkühlung in künstliches Koma gesetzt. Er bekam Entspannungs- und Beruhigungsmedikamente, damit sein Gehirn keine Arbeit leisten muss und sich soweit wie möglich erholen kann.

Ein EEG vom 20.10.08 war hochpathologisch (krankhaft) = Nulllinie bei Gehirnstrommessung, keine sichere Hirnaktivität

Das 2. EEG vom 23.10.08 war immer noch hochpathologisch. Sogar bei einer Verstärkung des EEG mit 70 μV zeigte es keine Änderung der Nulllinie an.

Er hatte anhaltend keine Reflexe, fehlende Schutzreflexe, keine Spontanmotorik, Atemstillstand > 60 Sekunden bei Unterbrechung der Beatmung. Keine Lichtreflexe der Pupillen. Diese fehlenden Reflexzeichen sind ein Zeichen für Hirntod.

Nach den 72 Stunden künstlichen Komas blieb Phillip weiterhin leblos. Es musste daher von einer schwersten Hirnschädigung durch Sauerstoffmangel, die ein Leben ohne Apparate (eine Art Wachkoma) niemals ermöglicht hätte, bei Schädigung beinahe aller Organe, allen voran das Gehirn, ausgegangen werden.

Es wurde eine Ethikkommission herbeigerufen, die über Phillips Zustand entschied. Mit Berücksichtigung unseres ausdrücklichen Wunsches, ein weiteres Leiden von Phillip zu vermeiden. Diese Kommission kam zu dem Schluss, dass ein Therapieverzicht ethisch vertretbar wenn nicht gar angezeigt sei.

Phillip wurde am Morgen des 24.10.2008 extubiert und blieb erstgradig atemlos. Es traten Schnappatmungen auf... Er verstarb eine Stunde später.

Ich blieb die ganze Zeit bei ihm. Ich habe ihn in den Tod begleitet. Wenn ich ihn schon nicht ins Leben holen konnte, dann doch wenigstens in die andere Richtung. Phillips Papa kam auch noch hinzu. Zum Glück noch früh genug. Er sagte später, er hätte drei Anläufe gebraucht, er konnte seinen Sohn nicht sterben sehen...

Wir hoffen so sehr, für alle Beteiligten das Richtige entschieden zu haben...
 



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