Presseberichte über "Leben ohne Dich"

Meinerzhagener Zeitung, Online-Tagebuch von Uwe K.


Eintrag Lesertagebuch vom 07.07.2006

Ein Eintrag aus dem Leser-Tagebuch von Uwe K.

Schon mal darüber nachgedacht?

Wie gut kennen Sie die Menschen Ihrer Umgebung? Schon mal darüber nachgedacht, welches Schicksal sich hinter diesem oder jenem Gesicht verbirgt?

Hinter der Fassade ist vielleicht jemand, dem es schwer fällt Frieden und Freude zu finden – wieder zu finden – weil Dinge, die erlebt wurden einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass das bis zu diesem Zeitpunkt geführte Leben nicht mehr existiert. Statt dessen gibt es ein anderes Leben, nicht mit dem vorherigen zu vergleichen.

Da gibt es die Mutter, die ihre Tochter durch Blutungen nach einer Mandel Operation verliert. Die Tochter war schon wieder einige Tage zu Hause, als das Unfassbare geschieht und der Rettungswagen doch zu spät kommt.
Da gibt es das Ehepaar, das sich über die Geburt des Enkels freut und Stunden später die eigene Tochter aufgrund innerer Blutungen nach einem Kaiserschnitt verliert. Geburtstag und Todestag nur mit wenigen Stunden Zeitdifferenz.
Da gibt es das Ehepaar, das morgens ins Zimmer der 12-jährigen Tochter geht und sieht, dass die Tochter während sie schlief gestorben ist, einfach so.
Da gibt es die Eltern, die einen Anruf erhalten, dass der 29-jährige in Köln lebende Sohn im Koma liegt. Während der Nacht hat dieser Sohn einen Herzinfarkt erlitten. Im Krankenhaus müssen diese Eltern nach einer Woche zwischen Hoffen und Bangen und weiteren Infarkten mit ansehen, wie die Kurven der angeschlossenen Monitore flacher werden und der Sohn stirbt.
Da gibt es die Eltern, deren einzige Tochter morgens im Badezimmer umfällt und im Notarztwagen verstirbt. Eine Reanimation blieb erfolglos.
Da gibt es das Ehepaar, das einen Anruf erhält, dass der 600 km entfernt lebende Sohn 26-jährig im Schlaf gestorben ist.
Da gibt es die Leute, deren Sohn einen schrecklichen Autounfall hatte – sofort verstorben ist und in seinem Fahrzeug bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Ein Abschied nehmen war daher nicht möglich. Ein "Begreifen" des Todes war nicht möglich.
Da gibt es die Mutter, die bei ihrem Sohn bis zum letzten Atemzug im Hospiz in Olpe war. Die Viren seiner Masernerkrankung waren ins Gehirn vorgedrungen und zerstörten es nun über einen langen Zeitraum.
Da gibt es Eltern, deren Tochter einem jahrelangen Krebsleiden letztlich doch erliegt.
Da gibt es das Ehepaar, das vom Autounfall seiner Tochter hört. Jede Hilfe kommt zu spät. Die Tochter – keine 20 Jahre alt – stirbt an der Unfallstelle.
Es gibt die Eltern, deren Tochter vor vielen Jahren heimtückisch umgebracht wurde und der Täter jetzt erst ermittel wurde.

Einzelne Schicksale mögen die Leser jetzt sagen! Alle die aufgeführten Schicksale sind die Schicksale von Menschen, die auch nie für möglich gehalten hätten, davon eines Tages betroffen zu sein.
Das passiert ja immer nur den anderen! Hand auf's Herz! Wer hat sich jemals über eine solche Situation Gedanken gemacht? Vermutlich keiner!

Versuchen Sie es einfach einmal. Versuchen Sie es sich bitte einmal vorzustellen, wie es wäre, wenn der Sohn oder die Tochter auf einmal nicht mehr da ist.

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, Ihnen würde der Hals zugedrückt und Sie Atembeschwerden haben; wenn Sie jetzt das Gefühl haben, ein Panzer aus Blei legt sich um Ihre Brust und erdrückt Sie; wenn Sie jetzt das Gefühl haben, als ständen Sie kurz vor einem Herzinfarkt; wenn Sie jetzt das Gefühl haben, Ihre Tränen wollten nie versiegen; wenn Sie jetzt das Gefühl einer endlosen Leere verspüren; wenn Sie jetzt mit Selbstmordgedanken spielen und scheinbar am Abgrund stehen – dann, ja dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung von dem, was betroffene Eltern erlebt haben bzw. immer noch durchleben müssen.

Schon mal darüber nachgedacht?

Fortsetzung folgt...
 



Eintrag Lesertagebuch vom 27.07.2006

Ein Eintrag aus dem Leser-Tagebuch von Uwe K.

Lange hatte ich überlegt, ob und in welcher Form ich diesen Beitrag schreiben soll. Ich hatte es ja bereits einige Male angekündigt – hier ist nun dieser Beitrag. Es ist nicht ganz einfach für mich, diesen Beitrag online zu setzen, trotzdem gehe ich das Wagnis ein.

19 Monate, 21 Monate oder 30 Monate – hört sich an wie eine befristete Haftstrafe, nicht wahr? Ist es aber nicht!

Für uns ist es lebenslänglich – ohne Bewährung, denn heute vor 19 Monaten starb unser Sohn bei einem schrecklichen Autounfall, vor etwa 21 Monaten die 12-jährige Tochter eines bekannten Ehepaares aus Gummersbach und vor etwa 31 Monaten die Tochter von Bekannten aus Wiehl.

Wenn deine Mutter oder dein Vater stirbt, stirbt deine Vergangenheit.
Wenn dein Partner stirbt, stirbt deine Gegenwart.
Wenn dein Kind stirbt, stirbt deine Zukunft.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf Details eingehen – das würde den Rahmen sprengen und das was Betroffene Eltern erlebt haben, wäre sicherlich Stoff für ein ganzes Buch.

Allerdings möchte ich die Gelegenheit als Internetautor nutzen, die Leser dieses Tagebuches für trauernde Eltern – "verwaiste Eltern" – zu sensibilisieren. Seit vielen Monaten nun haben wir ein "Leben ohne Dich" und das bis zu unserem Lebensende!

Es ist anscheinend ein gesellschaftliches Phänomen, dass nach dem Tod eines Kindes (Beispiele hatte ich in meinem Beitrag "Schon mal drüber nachgedacht?" vom 07.07.2006 aufgeführt) schon nach einiger Zeit von der Gesellschaft gemeint wird, alles müsste seinen normalen Gang weiter gehen.

In einem Kommentar zu diesem Beitrag wurde erwähnt, dass dies und noch viel mehr zum Leben dazu gehört.

Ja, es gehört dazu – wie viele andere traurige Dinge auch (Ich denke da gerade an die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten) – und trotzdem kann sich niemand, der sich nicht in der gleichen Situation befindet, in die Lage betroffener Eltern oder Geschwister hinein versetzen. Wie auch? Die Welt steht Kopf! Die natürliche Reihenfolge wurde nicht eingehalten!

Normalität gibt es für betroffene Eltern nicht mehr und wird es in der gewohnten Form auch nicht mehr geben!
Normalität für betroffene Eltern heißt jetzt: Fast jeden Tag ein Besuch am Grab des Kindes.
Normalität heißt auch: Jeden Tag aufs Neue das Kind vermissen, mit der Gewissheit es nicht wieder zu sehen. Jedenfalls nicht in dieser irdischen Welt!
Normalität heißt auch: Wir führen jetzt ein anderes Leben!

Hilfe, die Freunde, Familie und Bekannte – wenn sie denn weiterhin zu einem stehen – geben können, kann das Erlebte in keiner Weise überdecken. Hilfe von anderen, nahe stehenden Menschen verschwindet nach relativ kurzer Zeit.

"Irgendwann muss es doch auch mal wieder gut sein..." man kann es von den Gesichtern ablesen.
"Ich stehe dir in deiner schweren Zeit bei!" – so ist der eigentliche Sinn des Wortes Beistand zu verstehen, wird vom normalen Alltag nicht betroffener Mesnchen ziemlich schnell abgelöst.
"Das Leben geht doch weiter..." ja, aber für betroffene Eltern anders, dies wird oftmals von nicht Betroffenen nicht verstanden. Nichts ist mehr so und nichts wird mehr so sein wie es einmal war!

"Du wirst sehen, dass sich viele Leute, von denen du eigentlich Hilfe erwartest, nicht mehr blicken lassen. Du wirst aber auch sehen, dass Menschen, mit denen du gar nicht gerechnet hast, auf einmal für dich da sein werden...", diese Worte meines Hausarztes klingen immer noch in meinen Ohren. Wie Recht er doch hatte!

Schon nach kurzer Zeit waren nur die engsten Freunde und teilweise die Familie geblieben. Andere zogen sich zurück, trauten sich nicht mehr mit uns in Kontakt zu sein, weil sie vor unserer Traurigkeit, den Tränen und Stimmungsschwankungen Angst hatten und haben. Da wechselt man dann auch die Straßenseite, um ja kein Gespräch führen zu müssen. Da wird der Kopf gesenkt und so getan, als hätte man uns gar nicht gesehen.

Im "normalen" Umgang (was ist normal?) wird weitgehend vermieden, den Namen des Kindes zu nennen, weil man Angst davor hat, etwas falsch zu machen. Das eigene Kind ist tot, aber das Totschweigen des Kindes ist genauso schlimm – und verletzend.

Wer konnte Hilfe geben? Welche Einrichtung? Irgendwo muss es doch etwas geben, was ist mit der Kirche? Leider auch Fehlanzeige! Das Schlimmste ist die Leere, die Hilflosigkeit, in der man sich nach einigen Monaten befindet – und niemand weit und breit, der Hilfe geben kann! Wo gibt es eine Trauerbegleitung oder eine Selbsthilfegruppe, die für einen da sein könnte?

Im Internet wurden wir schließlich fündig. Es gibt dort einige Gruppen und Internetforen, in denen Hilfe – meist durch selbst betroffene Menschen – angeboten wird!

Da gibt es VEID (Verwaiste Eltern in Deutschland) oder LoD (Leben ohne Dich), stellvertretend für andere Gruppen seien diese Organisationen genannt, die durch örtlich agierende Selbsthilfegruppen betroffenen Eltern eine Anlaufstelle sind und in der schwersten Zeit, die Eltern durchzumachen haben, Hilfe anbieten.

Ab September wird es im Lutherhaus der evangelischen Kirchengemeinde ebenfalls eine Selbsthilfegruppe von LoD geben, die eine Anlaufstelle für betroffene Eltern, über die Stadtgrenzen von Kierspe hinaus, sein wird. Zurzeit sind Treffen jeweils am ersten Mittwoch im Monat geplant. Hier wird es keine psychotherapeutische Hilfe geben, kann es nicht geben! Hier treffen sich in einem Gesprächskreis betroffene Eltern. Hier wird der Platz zum Reden und zum Trauern sein. Hier sind andere – ebenfalls betroffene Eltern – anzutreffen, die eine Begleitung sein wollen.

Ja, das Leben geht weiter. Für betroffene Eltern nur in einer anderen Form. Leider wird das durch unsere Gesellschaft in keiner Weise berücksichtigt. Entweder man funktioniert, oder man funktioniert nicht – anscheinend spielt es da keine Rolle, in welcher Verfassung sich die trauernden Eltern befinden. Betroffene Eltern fühlen sich häufig an den Rand gedrängt, isoliert und beobachtet. Ja, vieles verändert sich. Betroffene unterscheiden nach einer gewissen Zeit, was für sie wichtig und unwichtig ist. Betroffene Eltern leben danach vielleicht bewusster, auf jeden Fall aber anders.

Wenn Sie als Betroffener Kontakt mit der Selbsthilfegruppe LoD Kierspe aufnehmen möchten, können Sie dies über die folgende email Adresse machen. Wenn Sie in Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis Eltern kennen, denen das gleiche Schicksal widerfahren ist und Sie den Eindruck haben, dass Hilfe notwendig ist, dann geben Sie diese Information bitte weiter.

Email

Im Übrigen möchte ich an dieser Stelle bereits jetzt darauf hinweisen (auch wenn noch reichlich Zeit bis dahin bleibt), dass es am 10. Dezember 2006 einen Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder in der Margarethenkirche Kierspe geben wird. Dieser "Worldwide Candle Lighting Day" Gedenkgottesdienst wird weltweit am zweiten Sonntag im Dezember begangen. Um jeweils 19:00 Uhr Ortszeit werden zum Gedenken an unsere Kinder Kerzen entzündet, so dass sich ein leuchtendes Band rund um den Globus spannt. Der Gottesdienst findet um 18:00 Uhr statt.

Schon mal darüber nachgedacht?
 



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