Leben ohne Dich - Für Sebastian


In Erinnerung an die größte Liebe meines Lebens

Nichts in meinem Leben ist mehr, was es war. Seit jenem schrecklichen Tag, am Samstag, den 18. Oktober 2003. Mein Mann und ich saßen mit unserer Tochter Sandra (20) beim Mittag. Sie war am Abend zuvor ganz überraschend aus London gekommen um den Papa zu überraschen, der am Sonntag, 19.10., Geburtstag hatte. Basti war gerade aufgestanden und hat sich auf den Weg gemacht, um mit seinem Auto zu einem Nebenjob zu fahren. Etwa 5 Minuten später ist unsere Tochter mit unserem Auto in Richtung Stadt gefahren, um ein paar Einkäufe zu machen. Sie war schon weg, da klingelt es an unserer Tür. Ein uns fremder Mann steht da und erzählt meinem Mann Micha etwas von einem Unfall, den der Bastian gehabt haben soll. Er soll gleich mitkommen. Weil ich mit Farbe in den Haaren da saß, ist er allein gefahren. Ich habe noch gedacht, na ja, da wird ihm einer reingefahren sein, und der nette Helfer wollte, dass ein "Erwachsener" bei den Formalitäten hilft. Wir leben in einem kleinen Stadtteil und er wusste, dass das Unfallauto immer vor unserer Tür stand.

Von uns aus gibt es nur eine Straße in Richtung Stadt. Da ich langsam unruhig wurde, weil Micha nicht wiederkam, das Handy hatte er auch nicht dabei, habe ich mir das Auto meiner Eltern geliehen und dachte noch, jetzt musst Du aber wirklich los, irgendwo werde ich sie schon finden!

Ich weiß noch, dass ich ganz vorsichtig gefahren bin. Auf der abschüssigen Straße kommen dann ein paar Kurven, die man von oben einsehen kann. Plötzlich steht vor mir ein Mann von der Feuerwehr, der die Straße absperrt und in derselben Sekunde sehe ich Bastis Auto, auf dem Dach, mitten auf der Straße. Jetzt läuft alles wie ein Film vor mir ab. Ich halte an, dieses Bild vor meinen Augen ... Ich steige aus, ...ich reiße die Latschen von meinen Füßen und renne los... aus meiner Kehle kamen nur noch Schreie, immer und immer wieder habe ich geschrien, Basti, Basti, wo bist du ... und nein, nein, nein.

Dann sah ich meinen Mann. Er saß in einem fremden Auto und sah so schrecklich aus, so sehr alt und grau. Er hat mich in die Arme genommen und nur noch geschluchzt und den Kopf geschüttelt. Da bin ich dann in die Knie gegangen. Als sie mich in das Auto gesetzt haben, sah ich plötzlich, dass auch Sandra da war. Dass sie eine der ersten an der Unfallstelle war, ist mir erst später klar geworden.

Dieses Auto, sein Traumauto, das er sich von seinem Ausbildungsgeld selbst finanziert hat, es lag da so vor mir und hat mich angeschaut wie ein Monster. In einem Anfall von Realitätsverlust, kann man das überhaupt so sagen? Habe ich dann immerzu auf Micha eingeredet, er soll nicht die Hoffnung verlieren, die Ärzte werden sich um Basti kümmern, und dann, ja, dann wird alles wieder gut. Wir gehen nach Hause und feiern seinen Geburtstag.

Dann kam der Unfallarzt, der auch unser Hausarzt ist und sagte, dass mein Kind tot sei und dass er nicht hat leiden müssen, er war sofort tot. Einen solchen Ausnahmezustand in meinem Kopf kann man nicht beschreiben. Ich habe zu ihm gesagt, ich gehe hier nicht eher weg, bevor ich mein Kind gesehen habe. Er hat es mir versprochen und mir eine Spritze gegeben.

Mein Basti, ein 18-jähriger, sehr schmaler Junge mit blonden Haaren und blauen schönen Augen, wie die seines Papas, der die Sauberkeit sehr liebte, lag lang ausgestreckt in einem schmutzigen Straßengraben. Sie haben ihn mit einer Decke zugedeckt. Heraus schauten seine weißen Socken. Wenige Schritte vor ihm bin ich auf die Knie gefallen. Irgendjemand gab mir seine Hand in meine. Sie war ganz weich, aber grau. Ich habe immerzu mit ihm geredet und seine Hand geküsst und gestreichelt, dann habe ich vorsichtig die Decke von seinem Kopf gezogen. Er hatte einen Verband um und aus dem Ohr geblutet. Ich habe sein Gesicht gestreichelt und ihn gerufen. Verlass mich nicht, komm zurück! Ich kann ohne dich nicht leben! Der Seelsorger, unser evangelischer Pfarrer, hat für ihn ein Gebet gesprochen, obwohl wir keiner Kirche angehören, aber ich war ihm sehr dankbar dafür.

Alles, was danach kam, ist ein nicht zu beschreibender Albtraum. Wie oft habe ich die Menschen in meiner Nähe angebettelt, sie mögen mich doch endlich aufwecken aus diesem schlimmen Traum. Aber seltsamerweise ist bis heute keiner gekommen und hat es getan. Ich kann und will es nicht annehmen, geschweige denn, akzeptieren. So etwas passiert doch immer nur den anderen, man liest es in der Zeitung und denkt, oh Gott, die armen Eltern!

Zusätzlich tragisch ist, dass Basti nicht allein in seinem Auto saß, er hatte einen Freund dabei, auch erst 18 Jahre. Er verstarb auch an der Unfallstelle, wurde reanimiert und verstarb dann drei Tage später im Klinikum. Über die Unfallursache ist nicht so richtig was rauszukriegen gewesen, im Abschlussbericht steht, er war zu schnell, höchstens aber mit 100 km/h unterwegs, ist aus irgendeinem Grund nach links gekommen, hat zu heftig gegengelenkt und ist rechts die Böschung hinauf, worauf das Auto sich überschlug. Wir werden nie erfahren, wieso er zu weit links war und nach rechts verrissen hat. Ist ihm schlecht geworden? Haben sie sich gegenseitig abgelenkt? Hat er sich vor etwas erschrocken? So viele Fragen und nie eine Antwort. Drei Tage vor dem Unfall hat er noch zu mir gesagt, Mama, im Moment läuft bei mir alles so super, das ist echt klasse!

Da fallen mir solche blöden Sprüche ein: Wenn es am schönsten ist, soll man gehen!?? Unglaublich auch, dass er sich uns gegenüber durchgesetzt hat, seine Schwester im September in London besuchen zu wollen. Wir wollten ihn überzeugen, erst im nächsten Frühjahr bei schönerem Wetter zu fliegen, aber nein, es musste unbedingt da sein! Hat er....? Unglaublich auch Folgendes: Ich habe seine Freundin Nicole, mit der er unglaubliche drei!! Jahre zusammen war, gefragt, welches Lied er denn in der letzten Zeit besonders gern gehört hat, das man auch auf einem Friedhof spielen kann, denn eigentlich mochte er am liebsten Techno. Da sagte sie sofort: Dido. White Flag.

Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, habe ich einen so schlimmen Weinkrampf bekommen. Es ist wunderschön. Wenn man sich aber mit dem deutschen Text beschäftigt: Es ist ein Abschiedslied! Ich werde mit diesem Schiff untergehen (sein Auto?), ich werde mich nicht ergeben (kein Lebenskampf?), ich weiß, ich hinterlasse Chaos und Zerstörung und kann deshalb nicht zurückkommen. Wir haben das Lied auf dem Friedhof gespielt. Und Grönemeyers Liebeslied an seine Frau. Jedes Wort hat auf Basti gepasst. Es war die Hölle pur. Es waren sehr viele Menschen da, vor allem Jugendliche. Es war und ist ein wunderbares Gefühl, dass er so beliebt war.

Es gäbe noch so viel zu erzählen. Zum Schluss nur noch: Wir haben zwei Kinder: Basti, mein kleiner Schmusebär, ist nun ein Sternenkind. Wir verdanken ihn eigentlich unserer Tochter Sandra. Denn er ist, er war, unser einziges leibliches Kind. Der kleine Racker wollte partout nicht auf die Welt kommen und da haben die Ärzte nach vier Jahre Experimentieren gesagt: Adoptieren sie ein Kind, vielleicht klappt es ja dann! Wir hatten unsere kleine Prinzessin gerade mal vier Wochen aus dem Säuglingsheim zu uns geholt, da war ich schwanger und wir hatten plötzlich innerhalb von 10 Monaten zwei Kinder!

Immer wenn ich an ihn denke oder am Grab bin, bettele ich, ihn nur noch ein einziges Mal streicheln dürfen, ihn sehen, ihn riechen dürfen. Bitte, bitte schick mir ein Zeichen, dass ich weiß, es geht dir gut, da, wo du jetzt bist!

Mein geliebtes Kind, am kommenden Samstag wirst du 19 Jahre alt. Erinnerst Du Dich noch an Deinem 18. Geburtstag? Da habe ich Dir Dein Auto zugelassen und Du warst wahrscheinlich der glücklichste Mensch! Zu diesem Geburtstag schenke ich Dir einen Grabstein und drei wunderschöne Schmetterlinge aus Glas. Das ist das Einzigste, was ich noch für Dich tun kann.

Von Deinem ersten Atemzug an, von der ersten Sekunde an, hatte ich Angst um Dich. Du wusstest das. Ich habe es Dir oft gesagt und dann hast Du Deinen Arm um mich gelegt, mir einen Schmatz gegeben und gesagt: Ach kleine Mama, Du sollst dir doch um mich keine Sorgen machen!

Ich liebe Dich, mein kleiner, großer Mann! So unendlich, dass Du es Dir nicht vorstellen kannst.

Deine Mama.
 



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