Leben ohne Dich - Für Shikiba


"Eine Herzensentscheidung"

Austragen oder abtreiben? Die Erkenntnisse der Pränataldiagnostik können Frauen in Gewissenskonflikte bringen. Zwei Beispiele

Text: Dagmar Paffenholz
Illustration: Dorothee Mahnkopf

An diesen Tag wird Heike Ebadi sich ihr Leben lang erinnern. Nicht, weil es ein Freitag, der 13., war. Sie ist im achten Monat schwanger, als sie die Pränataldiagnostik der Bonner Universitätsfrauenklinik aufsucht. Einen Schatten im Gehirn des Ungeborenen hatte ihre Frauenärztin wenige Tage zuvor bei einer Routine-Untersuchung entdeckt. Ein Besuch in der Uniklinik soll klären, ob der Schatten vom Ultraschall verursacht worden ist. Stundenlang wird Heike Ebadi von einer Ärztin im Praktikum und einer Oberärztin untersucht. Als sie dann auch noch der Chefarzt untersucht, wurde ihr "schon komisch", erinnert sich die 25-Jährige. Es könne sein, dass das Kind sehr schwer krank ist, sagen die Ärzte. Eine Punktion zur Nabelschnurblut-Abnahme soll Gewissheit bringen. Das Ergebnis soll sie am nächsten Morgen um 10 Uhr erfahren. Solange muss sie in der Klinik bleiben.

Auch Heike Ebadi muss sich gedulden, bis sie die endgültige Diagnose erfährt. Den ganzen Tag wartet sie auf das Untersuchungsergebnis. Keiner will ihr etwas sagen. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Ihr Mann ist mit der zweijährigen Tochter mittlerweile wieder nach Hause gefahren. Abends um 21:15 Uhr erlöst der Chefarzt sie dann endlich aus der Ungewissheit. "Zytomegalie", lautet die Diagnose. Für gesunde Erwachsene ist die seltene Viruserkrankung harmlos, für ungeborene Kinder hingegen lebensgefährlich. Heike Ebadi hatte sich zu Beginn ihrer Schwangerschaft angesteckt, hielt die Symptome für eine Grippe. Ihre ungeborene Tochter wird schwerstbehindert sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind in den ersten sieben Lebensjahren sterben wird, ist hoch.

Es gibt zwei Möglichkeiten sagt der Arzt: ein sofortiger Kaiserschnitt oder der Versuch, dem Ungeborenen ein Medikament zu injizieren, das eigentlich für Erwachsene ist. Die Überlebenschancen des Kindes mit einer Therapie verbessern, die noch nicht ausgereift ist? "Will ich das oder will ich das nicht, habe ich mich immer wieder gefragt. Ich saß da, mutterseelenallein und wusste nicht, wie ich damit umgehen soll", erzählt sie. Drei DIN A 4-Seiten lang ist der Beipackzettel mit den Nebenwirkungen des Medikaments. Ein Abbruch kommt für Heike Ebadi nicht in Frage. Das ungeborene Kind in ihrem Bauch ist normal entwickelt. "Ein Wunder" sagen die Ärzte, normalerweise stoppt das Wachstum viel eher. "Es hat einen riesen Willen, wie eine Löwin, es hat solange mit dieser Krankheit gekämpft, das will einfach kommen. Da darf ich nicht einfach sagen: Du darfst das nicht".

Ihre Entscheidung hat sie bis heute nicht bereut. "Das war eine Herzensentscheidung." Fragen bleiben trotzdem. Kann sie beiden Kindern gerecht werden? Ihre zweijährige Tochter ist hyperaktiv. Es wird sehr schwer, da ist sie sich sicher. Doch sie will das Risiko eingehen. Damit das Kind eine bessere Chance hat und damit anderen Müttern geholfen wird, wenn die Therapie erfolgreich sein sollte. Zwei Wochen lang soll sie das Medikament nehmen. In dieser Zeit bekommt sie Besuch von einer Psychologin. Kirsten Wassermann arbeitet bei der "Beratungsstelle bei Pränataldiagnostik" des Diakonischen Werks. "Dass mir jemand zugehört hat, meine Sorgen und Ängste geteilt hat, war mir eine große Hilfe", sagt Heike Ebadi. Denn eins ist ihr klar: Diese Entscheidung "ist fürs ganze Leben, das ist nicht nach 18 Jahren vorbei".

Heike Ebadi fängt an zu hoffen. Sie glaubt, dass das Medikament zu helfen beginnt. "Auf einmal hatte das Kind normale Herztöne", erzählt sie. Zum ersten Mal seit Tagen kann sie wieder schlafen, obwohl sie sich "wie ein aufgeblasener Luftballon" fühlt. "Heute bin ich mir sicher, dass mir das Kind die Angst nehmen wollte". Denn ihr Hoffen wird enttäuscht. Das Kind ist tot. Was sie spürte, waren die Wehen.

Für Heike Ebadi ist es "wichtig einen Ort für die Trauer zu haben". Um die Beerdigung hat sich Kirsten Wassermann gekümmert. "Dafür bin ich ihr sehr dankbar." Geholfen hat ihr auch das Maximilian-Projekt. In dem Internet-Forum tauschen sich Frauen aus, die ihre Kinder durch eine Tot- oder Fehlgeburt verloren haben. Von ihren Erfahrungen berichten einige in einem Buch, das sie gemeinsam herausgegeben haben. "Man ist nicht alleine, man fühlt sich nur alleine", sagt sie. Am Tag der Beerdigung ihrer Tochter hat sie ihren Beitrag geschrieben.
 



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