Leben ohne Dich - Für Timothy

Timothy


Dich

Dich nicht näher denken
und Dich nicht weiter denken
Dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht größer denken
und Dich nicht kleiner denken
nicht hitziger nicht kälter

Dich denken
und mich nach dir sehnen
Dich sehen wollen
und Dich liebhaben

so wie du wirklich bist

(Erich Fried)
 



Fern bei den Sonnen
und doch ganz nah
für immer in unseren Herzen
wirst du niemals vergessen sein
 



Timothys Geschichte

Mein kleiner Sonnenschein, ich erinnere mich noch genau daran wie ich deinen Vater kennenlernte.

Das war im September 2001 auf einem Seminar in Waren an der Müritz. Dieses Seminar war von unseren Betreuern des FÖJs organisiert worden und es war ein sehr tolles Seminar.

Ich lernte dort also deinen Vater kennen und einen Monat später, genau am 12. Oktober, kamen wir zusammen. Aber unsere Beziehung stand schon von Anfang an unter keinem guten Stern. Viel Stress und Reibereien. Wir waren ja noch jung, ich 18 und er 17.

Wir verhüteten mit den üblichen Verhütungsmitteln, denn wir wollten noch keine Kinder haben, sondern erstmal beruflich weiterkommen. Doch da warst du wohl anderer Meinung.

Ich merkte erst im Februar, dass etwas mit mir nicht stimmte, glaubte aber, dass es am Stress liege, da ich ja auch noch regelmäßig meine Periode bekam. Sie blieb erst im März aus und sofort fragte meine Mama mich, ob ich schwanger sei.

Ich sagte, dass es nicht sein könne, aber um auf Nummer sicher zu gehen, machte ich einen Schwangerschaftstest. Der zeigte dann das an, was meine Mama vermutete, nämlich, dass ich schwanger mit dir war.

Es war zuerst ein totaler Schock für mich, doch als ich es dann deinem Vater erzählte, war der sofort Feuer und Flamme. Das gab mir dann die nötige Sicherheit, mich für dich zu entscheiden und ich habe es nie bereut!

Denn trotz meiner Ängste, freute ich mich dann doch auf dich! Meine Mama und mein Papa waren zwar alles andere als begeistert, aber sie sagten mir bei Problemen dann denn doch ihre Unterstützung zu.

Die Schwangerschaft verlief ohne weitere Probleme und ich war den Tränen nahe, als ich dich dann das erste Mal auf dem Ultraschall sah und als ich dann noch dein Herz schlagen hörte, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Du warst so ein munteres Kerlchen in meinem Bauch!!!

Wie gesagt, bis zur Geburt verlief alles normal, ich konnte noch arbeiten und mein FÖJ zu Ende machen, was bis zum August lief. Dann kam der Montag, wo ich zur Aufnahme musste, dass war am 9. September 2002, 2 Tage vor deiner Geburt.

Der Muttermund war schon etwas offen und ich hatte leichte Wehen, aber die Ärzte schickten mich nach Hause zurück und ich sollte am nächsten Tag wiederkommen, was ich auch tat.

Da deine Herztöne am nächsten Tag nicht sehr gut waren, musste ich im Krankenhaus bleiben, da ging der Trubel dann auch schon los, weil die Ärzte sich nicht einig darüber waren, ob du nun per Spontangeburt oder per Kaiserschnitt kommen sollst, da ich sehr klein bin und ein sehr schmales Becken habe. Schließlich entschieden sie sich erstmal für eine Spontangeburt und ich war damit einverstanden.

Am Tag deiner Geburt war mir dann schon sehr früh recht komisch zu Mute, ich spürte, das etwas nicht stimmte, doch die Ärzte tröstet mich und um die Geburt voranzutreiben, legten sie ein Wehengel. Aber das brachte nicht den Erfolg, den sie sich erhofften und am Nachmittag entschieden sie sich dann, die Fruchtblase aufzupicken.

Gesagt, getan. Von da an ging alles ganz schnell. Sobald das Fruchtwasser ablief, bekam ich auf einmal wahnsinnige Schmerzen und ich konnte nur noch schreien. Und noch viel schlimmer war, dass deine Herztöne, die den ganzen Tag über schon nicht sehr gut waren, auf einmal völlig weg waren.

Wir bewegten uns am Rande eines totalen Kreislaufzusammenbruchs. Das alles geschah in Sekundenschnelle, aber die Ärzte haben sofort reagiert und uns in den Kreißsaal geschoben. Dort bekam ich dann eine Vollnarkose, so dass ich deine Geburt, auf die ich mich so gefreut habe, gar nicht miterleben konnte.

Dort wurdest am 11.9.2002 um 17:40 Uhr geboren. Gerade mal 47 cm groß, aber stolze 3410 g schwer.

Ich sah dich erst im Aufwachraum wieder. Zuerst sah ich nur meinen Vater, dann, als ich das zweite Mal hochdämmerte, hielt dich dein Vater hoch, ich konnte erst gar nicht richtig glauben, dass du es bist, so klein und wunderschön!!!

Dein Vater erzählte mir dann, dass ich, wo ich wieder weggedämmert bin, immer wieder gesagt haben soll: Mein Baby, mein Baby. Richtig wahrgenommen habe ich dich dann auf dem Stationszimmer und ich war so glücklich, erschöpft aber glücklich!

Als ich dich dann mit nach Hause nehmen konnte, war ich die stolzeste Mama überhaupt! Am 28. September bin ich dann hier nach Stralsund gekommen und die Eltern deines Vaters, also Opa und Oma Stralsund haben mir sehr geholfen. Dafür werde ich ihnen auch immer dankbar sein.

Durch sie bekam ich dann meine erste Wohnung und dein Vater durfte mit einziehen. Und das Beste an allem war, dass er auch noch eine Lehrstelle gefunden hatte. Eigentlich hätte uns doch nichts passieren können!

Aber das Schicksal war nicht so gnädig zu uns. Dein Vater musste durch etwas, was er getan hatte, wieder ins Heim und so war ich allein mit dir. Aber das machte mir nichts aus, denn du warst so ein Sonnenschein, ein so lieber und kluger Junge, du hast mir nie Schwierigkeiten bereitet und hast dich zudem auch noch prächtig entwickelt.

Doch dann kam der Tag, der alles ändern sollte.

Noch heute frage ich mich, hätte ich nicht schon früher merken können, dass etwas nicht stimmte? Ich wünschte ja, denn dann wäre es vielleicht nie soweit gegangen. Es war an einem Dienstag, den 21.10.2003.

Du warst eigentlich wie immer ganz gut drauf, ein bisschen unruhig, aber sonst war alles normal. Wir hatten wieder jede Menge Spaß, doch dann wurdest du auf einmal komisch.

Und plötzlich sacktest du einfach zusammen. Ich war schockiert. Du atmetest nicht mehr und auch dein Herz schlug auf einmal nicht mehr. Sofort versuchte ich lebensrettende Maßnahmen, aber es half nicht. Wie in Trance rief ich Hilfe.

Fünf Minuten später traf dann der Rettungswagen ein. Die Sanitäter waren wohl noch in der Ausbildung, jedenfalls nahmen sie zuerst den falschen Inkubator, wobei wertvolle Zeit verging. Sobald der Notarzt eintraf ging es dann wenigstens sofort ins Krankenhaus.

Ich fuhr mit im Notarztwagen. Ich war so schockiert, das merkte selbst der Notarzt. Im Krankenhaus musste ich erstmal warten. Da trafen dann auch meine Eltern, also Oma und Opa Greifswald, ein sowie Deine anderen Großeltern. Wir saßen da und warteten, scheinbar unendlich lange.

Nach einiger Zeit kam dann eine Notärztin auf mich zu und bat um ein Gespräch. Ich war voller Angst, dass du es nicht geschafft hättest. Doch sie sagte mir, dass du lebst, aber dass du im Koma liegen würdest und dass es dir sehr schlecht ginge.

Ich weinte und bat, dich sehen zu dürfen und das durfte ich dann auch. Oh mein kleiner Schatz! Der Anblick war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe! Du lagst da, so klein und verloren zwischen all den Geräten und Schläuchen und hast dich überhaupt nicht bewegt!

Ich streichelte dich und redete mit dir, ich konnte und wollte nicht glauben, was geschehen ist. Kurz danach kam dann dein Papa, er war in der Zeit eine große Stütze für mich. Spät am Abend haben sie uns dann nach Hause geschickt, deine Großeltern warteten draußen vor der Intensivstation auf uns.

Ich hatte mich halbwegs gefasst, aber als wir dann bei den Fahrstühlen waren, bekam ich einen totalen Nervenzusammenbruch und schrie und weinte so sehr, dass ich eine Beruhigungspille nehmen musste, die die Ärzte vorsorglich deinem Vater gegeben hatten. Erst dann ging es mir etwas besser.

In der Nacht dann bekamst du dann Krämpfe und die Ärzte mussten weitere 15 Minuten um dein Leben kämpfen. Aber sie schafften es auch diesmal. Als ich am Morgen davon erfuhr und wie es um dich stand, war ich fast dem Wahnsinn nahe. Ich habe immer nur gedacht, warum du? Warum du? Du hattest doch nichts getan, was eine solche Strafe rechtfertigte!

Sie hatten auch an dem Tag deine Gehirnströme gemessen und festgestellt, dass sie fast bei 0 waren, also nur noch sehr schwach. Sie sagten dann, wenn es dir bis morgen nicht besser gehen würde, sollten wir uns darauf einstellen, uns entscheiden zu müssen, ob deine Geräte abgestellt werden oder nicht.

Ich konnte es nicht fassen!!

Aber du scheinst gewusst zu haben, dass du vielleicht gehen musst, denn aus deinen halbgeöffneten Augen trat in dem Moment eine Träne, ein einzelne Träne. Ich spürte irgendwie in dem Moment genau dasselbe und weinte und bat, dass du bei uns bleiben sollst, dass du uns nicht verlassen sollst.

Es ging dir dann auch etwas besser, du hast schon selber wieder Luft geholt, auch wenn du noch beatmet wurdest. Am späten Abend des 22.10. sind wir dann nach Hause gebracht worden, deprimiert und unbewusst wussten wir, dass du es nicht schaffen würdest, trotz dass du schon selber geatmet hast.

Und dann kam auch schon die Horrornachricht!

Ich hatte die Nacht nur durch Tabletten schlafen können und als ich dann aus einem Traum hoch schreckte, sah ich, dass das Krankenhaus gerade angerufen hatte. Ich weckte deinen Vater und sofort fuhren wir in die Klinik.

Dort empfing uns dann der Chefarzt und sagte uns dann ziemlich unverblümt, dass du in der Nacht wieder gekrampft hättest und dass du es diesmal nicht geschafft hättest. Dein Herz sei einfach zu schwach gewesen, erklärte er.

Du bist am Morgen des 23.10.2003 um 5:45 Uhr zu den Engeln gegangen.

Ich war wie betäubt als ich zu dir gehen durfte. Danach lief alles wie in einem Horrorfilm ab. Die Beerdigung war einfach nur schlimm und auch die Zeit danach. Es wurde dann festgestellt, dass etwas mit deinem Herz nicht gestimmt hatte, aber dass es ganz schwer gewesen wäre, das vorher festzustellen.

Ich konnte es einfach nicht glauben! Auch heute nicht! Nichts ist mehr wie früher.

Ich vermisse dich sehr, jeder Tag ist irgendwie grau. Mittlerweile hast du auch eine Schwester. Theresa ist ein sehr liebes Mädchen. Ich weiß, du hättest sie sehr geliebt und sie dich. Ich habe ihr von dir erzählt und sie hat ein Plüschtier genommen und mir deutlich gemacht, dass es auf dein Grab soll.

Und das, obwohl sie es doch noch nicht verstehen kann. Das war ein sehr schöner und auch sehr trauriger Moment. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert ist, ich kann es einfach nicht. Vor allem macht mich es so traurig, dass deine Großeltern Stralsund etwas so Gemeines gemacht haben, dass ich es hier lieber nicht erzählen will, weil ich weiß, wie sehr du sie geliebt hast.

Und traurig bin ich auch darüber, dass deine Großeltern Greifswald gar nicht erst von dir reden wollen, ebenso all deine Tanten und Onkel beiderseits. Es ist fast so, als wollten sie dich vergessen.

Die Einzige Stütze ist dein Stiefvater, er hat dich, auch wenn er dich nicht kennt, sofort in sein Herz geschlossen. Als er zum ersten Mal an deinem Grab stand, hat er sich an mich geklammert und geweint.

Aber ansonsten bin ich allein mit meiner Trauer. Dein Vater hat uns verlassen und sitzt heute ein.

Aber auch wenn alle Anderen versuchen, dich zu vergessen, ich werde es niemals tun. Du bist ein Teil von mir – für immer.

Denn Du bist mein Sohn – und ich liebe Dich, Timothy.

Es war mir eine Ehre, dich bei mir haben zu dürfen.

Und irgendwann, wenn mein Tag gekommen ist, werden wir uns endlich wiedersehen.

In ewiger Liebe
Deine Mama
 

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