Leben ohne Dich - Für Yvonne


Yvonne


28.08.2006

Es war der erste Schultag nach den großen Sommerferien in Hessen.

Yvonne freute sich auf die Schule. Die ganzen Ferien hat sie hart gearbeitet, Physik und Mathe waren in diesem Jahr nicht so gut gelaufen. Eine Nachprüfung in Mathe stand in der letzten Ferienwoche an.

Da sie ein Gymnasium besuchte und die Anforderungen an dieser Schule sehr hoch waren, machte ich ihr den Vorschlag, das Schuljahr doch zu wiederholen, schließlich ist es keine Schande mal eine Ehrenrunde zu drehen.

Davon wollte Yvonne nichts wissen. Sie wollte ihre Prüfung machen, sie wollte unbedingt die elfte Klasse erreichen. Während der ganzen Sommerferien arbeitete sie hart und ging zwei bis drei Mal in der Woche zu einem Nachhilfelehrer.

Ihr Fleiß hat sich gelohnt, Yvonne hat ihre Prüfung gut gemacht. Der letzte Prüfungstag war am 24.08.2006, der Geburtstag ihres Papas.

Da wurde natürlich besonders ausgiebig gefeiert. Yvonne war sehr erleichtert und auch wir waren sehr stolz auf sie. Sofort setzte sie sich an ihren Computer und teilte ihren Freunden über ICQ die gute Nachricht mit. Das ganze Wochenende befasste Yvonne sich mit ihrem neuen Stundenplan. Sie und ihre Freundinnen hatten ihre Wahlkurse genau so gelegt, dass sie meistens zusammen unterrichtet wurden. Das war den dreien sehr wichtig und ich glaube, Yvonne wollte nicht von ihren Freundinnen getrennt werden, und so zog sie die Prüfung vor.

Am Morgen des 28.08.2006 stand Yvonne schon sehr früh auf. Sie war den Morgen ein bisschen ungehalten, das Wetter war nicht so, wie sie sich es gewünscht hatte. Denn sie wollte ja mit ihrer Honda NSR in die Schule fahren und das bedeutete dick anziehen und Regensachen überziehen. "Wo soll ich in der Schule nur mit den vielen Sachen hin? Ich brauch unbedingt ein Schließfach", sagte sie etwas energisch!

Ich versprach ihr mich darum zu kümmern und sorgte nebenbei für das Frühstück. Verschiedene Sachen für die Schule sollte ich ihr noch besorgen und ich versprach, wenn sie am Nachmittag nach Hause kommt, ist alles was sie braucht da.

Patrick, Yvonnes jüngerer Bruder, verhielt sich den ganzen Morgen sehr ruhig, er redet am Morgen nicht so gerne. Für ihn hätten die Ferien das ganze Jahr dauern können. Als sich Patrick anzog, stellte Yvonne fest, dass er neue Schuhe hatte, die auch dringend nötig waren.

Sofort beschwerte sich Yvonne, warum sie keine Schuhe bekommen hat. Sie brauche schließlich auch welche.

Ich versprach ihr, wenn ich wieder frei hätte, mit ihr einkaufen zu gehen. Sie brauche sowieso noch einiges an neuer Kleidung. Yvonne sang in der Band ihres Vaters und es stand in vier Wochen eine große Reise nach Amerika an. Dafür musste sie ja schließlich noch ausgestattet werden. Mit diesem Versprechen gab sich Yvonne zufrieden und äußerte gleich zahlreiche Wünsche.

Plötzlich sagte sie etwas, das mich seht erschrak: "Werden Träume eigentlich wahr"? Ich sagte: "Mal ja, mal nein, warum?" Yvonne antwortete: "Wenn mein Traum wahr wird, bin ich heute Nachmittag tot, dann komme ich nie mehr nach Hause."

Wahnsinnige Angst stieg in mir auf, doch Yvonne sollte nichts davon merken, ich wollte nicht, dass sie den ganzen Tag Angst hat und ich sagte: "Weißt du, wenn ich geträumt habe, ich hätte eine Millionen Euro gewonnen, ist das noch nie wahr geworden."

Trotzdem versuchte ich alles, um Yvonne davon zu überzeugen, lieber mit dem Bus zur Schule zu fahren. Alle Bemühungen halfen nichts, gegen Yvonnes Argumente die NSR zu nehmen kam ich nicht an. Bei uns auf dem Land sind die Busverbindungen nicht gerade gut und so gab ich nach.

Es wurde Zeit, meine Kinder mussten zur Schule. Ich verabschiedete beide vor der Haustür. Beide Kinder nahm ich in den Arm und drückte ihnen einen dicken Kuss auf die Wange.

Yvonne hielt ich besonders fest und flüsterte ihr noch einmal ins Ohr: "Pass gut auf dich auf, fahr vorsichtig. Ich hab dich lieb und nächste Woche gehen wir einkaufen." "Ja Mama ist gut, ich muss jetzt aber los", antwortete sie.

Den ganzen Morgen war ich sehr unruhig, redete mir aber immer wieder ein, dass Yvonne eine gute Fahrerin sei, dass sie schließlich fast jede Fahrstunde im strömenden Regen hatte.

Schnell brachte ich meine Wohnung in Ordnung und machte mich auf den Weg zum Einkaufen. Die Zeit war knapp, denn ich musste noch zum Spätdienst. Ich bin Krankenschwester auf einer Intensivstation.

Da die Kinder alleine waren, wenn sie nach Hause kamen, brachte ich beim Einkaufen für jeden seine Lieblingspizza mit.

Um 12:38 Uhr begann mein Dienst auf der Station und ich war pünktlich. Den ganzen Tag gab es immer wieder heftige Regenschauer, es wurde gar nicht richtig hell.

Dieser Dienst war sehr ruhig, zur Zeit des Dienstbeginns hatten wir nur eine Patientin zu versorgen. Auf dieser Station arbeiteten wir immer zu zweit, das ist das Minimum an Personal, was auf Intensivstationen da sein muss. Da es in den Vortagen immer sehr hektisch war, genossen wir die Ruhe. Ich kümmerte mich um die Patientin und mein Kollege (Stationspfleger) kümmerte sich um den neuen Dienstplan.

Immer wieder schaute ich aus dem Fenster und sah zu, wie immer heftigere Regenschauer herunter kamen. Um 15:00 Uhr schüttete es wie aus Eimern, man konnte die Hand vor Augen nicht sehen, der Boden konnte das viele Wasser gar nicht so schnell aufnehmen.

"Gott sei Dank hat Yvonne noch Schule", dachte ich so bei mir und hoffte, dass sie nicht in einen solchen Regenschauer rein fährt. Eine viertel Stunde später hörten wir Polizei, Feuerwehr und Rettungswagen wegfahren. Ich sah meinen Kollegen an und sagte: "Gleich ist es mit unserer Ruhe vorbei, es kündigt sich Arbeit an."

Kurz vor 16:00 Uhr brachte uns eine Kollegin von einer anderen Station den Essenswagen mit dem Abendessen für die Patienten. Sie erzählte von einem Motorradunfall, die Rettungssanitäter und der Notarzt seinen unten auf der Station und wären völlig fertig.

Ein Mädel sei mit seinem Motorrad unter einen LKW gekommen, die komplette Schädeldecke mit Helm sei weggeflogen. Sofort bekam ich Gänsehaut und mir wurde übel. Ich fragte, wo das passiert sei, und sie sagte: "An der Kreuzung vom Industriegebiet auf die Bundesstraße 254." Yvonnes Strecke, dachte ich.

Doch es kann nicht sein, Yvonne hat noch Schule, sie fährt bestimmt jetzt erst los. Doch es ließ mich nicht in Ruhe, ich nahm das Telefon und rief zu Hause an. Patrick nahm ab und sagte mir, dass Yvonne noch nicht zu Hause sei. Ich sagte ihm, sie solle mich doch anrufen, wenn sie zu Hause ist.

Ich wurde immer unruhiger, mein Herz wollte sich überschlagen, mir war übel und ich verspürte das Bedürfnis, mich einfach ins Auto zu setzen und zu dieser Unfallstelle zu fahren. Doch das ging nicht! Ich konnte meinen Arbeitsplatz nicht ohne weiteres verlassen. Ca. 15 Minuten später läutete das Telefon im Dienstzimmer, das Gespräch kam von außerhalb, das kann man am Klingelton erkennen. Ich dachte es wäre Yvonne!

Mein Kollege nahm den Hörer ab, da er direkt neben dem Telefon saß. Nie werde ich dieses Bild vergessen. Er zuckte richtig zusammen und verlor zusehends seine Gesichtsfarbe, seine Antworten waren nur kurz und knapp. Auf die Frage wer das war, bekam ich keine Antwort, die Patientin, um die ich mich eigentlich kümmerte, klingelte und er wich mir aus und ging dort hin.

Jetzt wusste ich, mit Yvonne ist etwas passiert! Ich versuchte sie zu erreichen, ich rief ihre Handynummer an, wählte noch mal die Nummer von zu Hause. In diesem Moment kam mein Kollege, nahm mir den Hörer aus der Hand und sagte: "Du kannst da jetzt nicht anrufen, ich sollte dir nichts sagen, aber das war die Polizei, die kommen gleich und wollen mit dir reden." "Was hat Immogen vorhin gesagt", fragte ich ihn, "weißt du ob sie gesagt hat ob das Mädchen noch lebt?" Er antwortete: "Ich weiß es nicht mehr."

Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden und ich lief im Stationszimmer auf und ab. Ständig hoffte ich, die Polizei würde kommen und mich in ein anderes Krankenhaus fahren und zu Yvonne bringen. Es war ungefähr 17:00 Uhr als ein in schwarz gekleideter Polizist in Begleitung unseres Pfarrers die Station betrat. Sie kamen auf mich zu und als ich sie sah, wusste ich sofort, dass Yvonne tot war.

Ich wollte das nicht hören, ich wich ständig zurück und sagte: "Nein, nein", immer wieder wiederholte ich dieses Wort nein. Der Pfarrer packte mich an beiden Armen und sagte: "Frau Möller, sie müssen jetzt zuhören, das ist ganz wichtig!"

Der Polizist fing an zu reden: "Frau Möller, es ist etwas Schreckliches passiert, ihre Tochter hatte einen schweren Unfall mit ihrem Motorrad!" Immer noch mit etwas Hoffnung in mir fragte ich vorsichtig: "Ist sie tot?" "Ja", antwortete der Polizist. "Kann ich zu ihr?", fragte ich.
Der Polizist sagte: "Nein, das geht nicht." Ich sackte langsam zusammen, der Pfarrer hielt mich ganz fest, mein Kopf war plötzlich ganz leer, es kam noch nicht einmal eine Träne und ich fragte mich ständig: "Warum weinst du nicht, dein Kind ist tot, warum weinst du nicht?"

Der Polizist forderte mich auf, mich umzuziehen, er würde mich nach Hause bringen. Dann fragte er noch, wie er meinen Mann erreichen könne, damit man auch ihn nach Hause bringen kann. Ich bat ihn das zu lassen, weil mein Mann sicher schon auf dem Nachhauseweg war. Er arbeitet in Kassel an einem Finanzamt und hat eine Stecke von ca. 50 km zu fahren.

Wie betäubt folgte ich dem Pfarrer und dem Polizisten, meine Umwelt nahm ich nicht mehr wahr. Ich stieg in das Polizeiauto und sie fuhren los. Sie fuhren einen Umweg, damit ich die Unfallstelle nicht sehe. Über Funk hörte ich, wie weit die Aufräumarbeiten fortgeschritten waren.

Während der Fahrt überlegte ich ständig, wie ich das Geschehene meiner Familie beibringen sollte, was sollte ich nur sagen?

Zu Hause angekommen, wurde ich schon von unserem Hausarzt erwartet. Er nahm mich sofort in die Arme und schob mich in unsere Wohnung. Meine Schwiegereltern und Patrick standen in der Tür und fragten, was los sei und ich sagte wie versteinert: "Yvonne ist tot!"

Patrick tobte, er schrie und tobte: "Nein, nein, nicht meine Schwester, nicht Yvonne, das ist nicht gerecht, ich will meine Schwester zurück."

Ich bat meinen Hausarzt, Patrick etwas zur Beruhigung zu geben und er gab ihm eine Tablette. Meine Schwiegereltern liefen ständig auf und ab, hoch und runter, jammerten und weinten. Der Pfarrer saß wortlos da mit Tränen in den Augen. Immer wieder, wenn er das Bedürfnis hatte sich mitzuteilen sagte er: "Ich würde sie so gerne trösten, doch ich weiß nicht wie. Es gibt einfach keinen Trost!"

Ich stand einfach stumm da, verfolgte das Geschehen um mich herum und war immer noch wie versteinert. "Ich muss meine Eltern anrufen und meine Geschwister", stellte ich fest! Man gab mir den Rat, noch einen Moment zu warten. Ich hatte Angst, große Angst. Wie werden sie auf diese Schreckensnachricht reagieren?

Mein Hausarzt verabschiedete sich vorerst, er müsse noch den L-Schein schreiben. Er ließ mir eine Packung Beruhigungstabletten da und sagte mir, ich könne jederzeit anrufen, er komme dann sofort.

Endlich kam mein Mann nach Hause, ausgerechnet heute etwas später als sonst. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Der Pfarrer forderte meinen Schwiegervater auf ruhig zu bleiben, ich müsse meinem Mann die Nachricht überbringen, niemand sonst. Das wäre ganz wichtig.

Mein Mann kam zur Tür herein mit den Worten: "Was ist denn los?" Ich nahm ihn in den Arm und sagte: "Harald, es ist etwas Schreckliches passiert: Yvonne ist verunglückt, sie ist tot!" Harald setzte sich auf unser Sofa, starrte immer nur gerade aus und sagte kein Wort. Jetzt musste ich endlich meine Eltern benachrichtigen und nahm das Telefon. Meine Mutter war wie ich vermutet hatte völlig hysterisch und fing an zu schreien.

Es war nicht nötig meine Geschwister anzurufen. Mit dem Anruf bei meinen Eltern löste ich eine Kettenreaktion aus. Kurze Zeit später bekam ich einen Anruf von meiner Schwester, sie wollten alle sofort kommen ich sagte: "Nein, seid nicht böse, wir brauchen erst einmal niemanden, wir müssen alleine sein." Kurze Zeit später verabschiedete sich der Pfarrer, es war nun auch schon nach 20:00 Uhr. Mein Mann stand auf, ging an seinen Computer und begann Bilder von Yvonne auszudrucken. Jeder Bilderrahmen, der im Haus zu finden war wurde neu bestückt. Eine Stunde später lächelte uns Yvonne aus jeder Ecke an.

Patrick lag auf seinem Bett und weinte, ich ging zu ihm und nahm ihn in den Arm. Es klingelte, mein Bruder und mein Schwager kamen und fragten, was sie für uns tun können.

Mein Schwager regelte am nächsten Tag das Polizeiliche und holte mit meinem Bruder mein Auto nach Hause. Als wir endlich alleine waren, gab ich jedem eine der Beruhigungstabletten und wir gingen zu Bett. Patrick wollte nicht alleine sein und er nahm dankend das Angebot an, bei uns zu schlafen. Irgendwann fiel ich in einen tiefen Schlaf, ich träumte nichts.

Früh am Morgen wachte ich auf, sofort schlug mein Herz, als wolle es aus mir herausspringen. Ich ging in Yvonnes Zimmer, sie war nicht da. Es war leider kein böser Traum, Yvonne kommt nie wieder. Endlich weinte ich mal. Schnell unterdrückte ich meine Tränen wieder, ich musste stark sein, für Patrick und Harald. Es dauerte nicht lange und es kam Leben in unser Haus.

Familie, Freunde, Nachbarn und Kollegen gaben sich die Tür in die Hand. Alle kamen um uns ihr Mitgefühl mitzuteilen und fielen uns weinend um den Hals. Unmengen an Trauerpost nahmen wir entgegen, es dauerte Wochen, sie alle zu lesen.

Die Beerdigung musste geplant werden, eine Frau vom Bestattungsinstitut kam. Wir mussten einen Sarg für unsere Tochter aussuchen. Hilflos saßen wir vor einem Katalog. Für Yvonne sollte es etwas besonderes sein, am besten richtig bunt. Doch so etwas konnte man uns nicht bieten. Wir entschieden uns für helle Buche und sagten: "Wenn schon nicht bunt, dann hell."

Wieder unternahm ich den versuch, Yvonne noch einmal sehen zu dürfen. Erschrocken und eisern lehnte die Bestatterin ab. Auch mein Mann sagte: "Nein, tu dir das nicht an!" Ich hatte einfach keine Kraft, ich konnte mich nicht durchsetzen. Der größte Fehler meines Lebens.

Die Bestatterin empfahl mir, Yvonne mit einem Talar einzukleiden und ich sagte entschieden: "Nein, das kommt gar nicht in Frage, das würde Yvonne mir nie verzeihen. Sie bekommt ihre Lieblingskleidung mit auf den Weg." Es wäre nicht möglich Yvonne richtig anzuziehen, doch sie würde es versuchen. Ich suchte sofort Yvonnes Kleidung heraus, legte noch ihre Lieblingsstofftiere dazu und gab die Sachen der Bestatterin. Sie fragte nicht weiter und so vergas ich, ihr ihre Decke und ihr Kopfkissen mitzugeben oder Decke und Kissen beim Bestatter zu bestellen. Der zweite Fehler.

Alles ging viel zu schnell. Man muss Entscheidungen treffen, wenn man überhaupt nicht in der Lage dazu ist, und ich hoffe nur, dass Yvonne so ihre Reise angetreten hat, wie es ihr würdig ist. Hätte ich sie noch einmal sehen dürfen, hätte ich bestimmt nichts vergessen.

Was war eigentlich passiert?


Yvonne hatte in den letzten Stunden Sportunterricht. Da in Homberg Heimatfest war und die Innenstadt für den öffentlichen Verkehr gesperrt war, entließ der Lehrer die Kinder um 14:40 Uhr. Yvonne verabschiedete sich von ihren Freundinnen und machte sich mir ihrer NSR auf den Heimweg.

Yvonne wurde von Starkregen überrascht. Als sie sich vom Industriegebiet aus der Kreuzung zur Bundesstraße näherte, begann sie rechtzeitig zu bremsen. Dabei machte sie einen kleinen Fehler. Sie zog die Vorderbremse etwas zu stark an. Das Vorderrad blockierte und das Hinterrad rutschte zur Seite weg. Yvonne fiel auf die linke Seite und rutschte im Sturz noch etwas über sechs Meter auf die Kreuzung zu.

Gerade in diesem Moment passierte ein großer LKW die Kreuzung. Yvonne prallte mit dem Rücken vor den Unterfahrschutz des LKWs. Sie muss so unglücklich gelegen haben, dass ihr Kopf von den hinteren drei Rädern überrollt wurde. Mein armes kleines Mädchen, hoffentlich war sie bewusstlos und hat so wenig wie möglich davon mitbekommen.

Da ich mich von meinem Kind nicht verabschieden durfte, entstanden in meinem Kopf die schrecklichsten Bilder. Angebliche Unfallzeugen erzählten mir die reinsten Horrorgeschichten und sagten im gleichen Atemzug, wie leid es ihnen täte und dass es wahrscheinlich besser für Yvonne sei, diesen Unfall nicht überlebt zu haben.

"Wissen die eigentlich, was die da sagen", fragte ich mich immer wieder und brach in Tränen aus. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Mutter oder einen Vater das Kind zu verlieren und den Leuten fällt nichts Besseres ein, als so einen Schwachsinn zu reden. Das Leben unserer Tochter wäre das allerwichtigste für uns gewesen, egal wie es nach dem Unfall gewesen wäre, wir hätten sie noch gehabt und alles für sie getan.

Ein halbes Jahr später hielt ich es nicht mehr aus, ich braute Gewissheit. War es überhaupt meine Tochter, die tot war, haben wir wirklich unsere Tochter beerdigen müssen?

Ich ging zur Polizei, um Einsicht in die Akte meiner Tochter zu nehmen.

Endlich mal etwas, das ich richtig gemacht habe. Ich las den Unfallbericht des Gutachters und mir wurde versichert, dass weder Yvonne, noch der LKW-Fahrer an diesen Unfall Schuld waren. Ein kleiner Bremsfehler, der sicherlich schon viele Motorradfahrer zum Sturz brachte, wurde Yvonne zum Verhängnis. Hätte es nicht so stark geregnet, hätte sie das Motorrad sicherlich noch halten können.

Dann wollte ich Bilder von Yvonne sehen, ich musste genau wissen, was geschehen war. Man wollte mir weiß machen, es gäbe keine Bilder. Doch diesmal blieb ich standhaft, ich bestand auf die Bilder und schließlich gab man sie mir. Endlich war ich meinem kleinen Mädchen nah, in Gedanken war ich bei ihr, ich streichelte sie, nahm sie in Gedanken noch mal in den Arm und nahm Abschied. Ich fühlte mich betrogen!

Sicherlich hatte Yvonne schwere Kopfverletzungen, ihr Gesicht war eindeutig zu erkennen und mit guten Verbänden hätte man sich durchaus in Ruhe von Yvonne verabschieden können. Auch das Anziehen ihrer Lieblingskleidung durfte kein Problem gewesen sein. Ich hätte es gerne selber gemacht, unzählige Menschen habe ich in den Tod begleitet, sie für Angehörige schön gemacht, damit sie in Ruhe Abschied nehmen konnten. Das gehört schließlich zu meinem Beruf.

Für mein eigenes Kind durfte ich nicht da sein. Verzeih mir mein Schatz, ich war schwach und hilflos. Alle waren überfordert, einschließlich Pfarrer und Bestatter.

Am 01.09.2006 wurde Yvonne beigesetzt. Das kleine Dörfchen Welcherod war in einem Ausnahmezustand. Mehr als 600 Menschen wollten Yvonne die letzte Ehre erweisen und uns ihr Mitgefühl mitteilen. Eine ganze Region trauerte um Yvonne.

Meine Gefühle, die ich während der Beerdigung empfand, sind schwer zu beschreiben. Ich fühlte Schmerz und Freude zu gleich. Für mich lag nicht Yvonne in dem Sarg, hinter dem ich her lief. Kaum eine Träne füllte meine Augen, wieder war ich wie betäubt und verstand nicht was geschah. Freude verspürte ich, weil so viele Menschen zu Ehren Yvonnes da waren. Wir waren überwältigt.

Hätte ich mich noch einmal von Yvonne verabschieden dürfen, sie noch ein mal im Arm gehalten, wären mir sicher nicht so viele Fehler unterlaufen, ich hätte früher verstanden, was eigentlich geschehen war. Seit 57 Wochen durchlebe ich täglich, immer wieder den gleichen Tag. Ich sehe einen Unfall bei dem ich nicht dabei war, ich sehe mich an der Arbeit, als ich Besuch von Pfarrer und Polizei bekam, sehe mich im Polizeiauto sitzen und sehe mich auf der Beerdigung.

Immer wieder mache ich mir Vorwürfe, weil ich nicht stark genug war, weil ich für mein Mädchen nicht da war und ich hoffe, mein Schatz verzeiht mir. Die Angst um ein totes Kind ist unbeschreiblich groß, weil man so hilflos ist, einfach nichts mehr tun kann und einfach nicht weiß, wie es ihm geht. Nie in meinem Leben war ich so hilflos!

Wie so oft stellt sich immer wieder die gleiche Frage: "Warum, warum wurde der Traum unserer Tochter Wirklichkeit"?

Ich habe eine wunderbare Familie, einen wunderbaren Ehemann und einen tollen Sohn. Ihnen zu liebe lohnt es sich weiter zu leben! Wenn ich sie nicht hätte, wäre ich bestimmt Yvonne gefolgt. Da bin ich mir ganz sicher!

Yvonne war sehr beliebt und hatte die besten Freunde der Welt. Ihre Freunde sind mir auch heute noch sehr wichtig. Sie sind ein Teil von ihr und wenn sie da sind, ist mir unser Vonnylein sehr nah.

Yvonnes beste Freundin Rike hat eine Homepage für sie eingerichtet. Sie hat uns damit eine große Freude bereitet und uns sehr damit geholfen.

Danke

www.tusch-bitte.de.tl
 



Klagelied einer Mutter

Nicht mal siebzehn Jahre alt
stand auf einer schwarz umrandeten Karte.
Wie so viele kamen
nach diesem schlimmen Tage.

Wir hören noch dein Lachen,
das so einmalig war.
Dann nur noch das Weinen
der großen Trauerschar.

Mit Freunden warst du oft unterwegs
– auf Reisen – um Schönes zu erleben
– auf Partys – der guten Musik wegen.
Jetzt singen sie ein Klagelied
hörst du sie manchmal weinen
– Yvonne wir brauchen dich
komm wieder zu den Deinen –

Täglich warte ich auf dich
ich höre dich noch singen.
Doch trügt der Schein
du bist es nicht
ich kann dich nicht mehr fühlen.
Dann ist er da, der große Schmerz
der mir mein Herz gebrochen.
Jetzt singe ich ein Klagelied
hörst du mich denn nicht weinen?
– Yvonne mein Schatz ich brauche dich
komm wieder zu den Deinen –

Die ganze Familie ist nun hier
und steht vor deinem Grabe.
Voll Sehnsucht reden sie mir dir,
weil sie sehr um dich bangen.
Den Schmerz den teilen sie mit mir
denn das ist ihr Verlangen.
Sie stimmen ein ins Klagelied
hörst du sie denn nicht weinen?
– Yvonne wir brauchen dich
komm wieder zu den Deinen –

So sehr wir dich auch brauchen,
der Schmerz wird nie vergehn,
du wurdest uns genommen,
du musstest zu früh gehen.

Wie ein Schatz behütet
ist jeder Teil von dir.
Mit Erinnerungen – jeder für sich –
bist du in unseren Herzen
– Yvonne wir lieben dich –

Oh Gott hör unsere Klage
Was ist denn nur geschehen?
An diesem Unfalltage
hast du's nicht kommen sehen?

– Warum der starke Regen?
– Warum ein LKW?
Du hast sie uns genommen
– mein Gott es tut so weh –

Es bleibt uns nur zu beten
für unser liebes Kind,
dass sie führt ein neues Leben,
wo alle glücklich sind.

Oh Gott hör meine Klage
ich kann es nicht versteh'n.
Es bleibt mir nur die Frage:
– Warum ist das geschehen? –

Der Glaube und die Hoffnung
lässt uns es überstehen,
dass wenn die Zeit gekommen
wir uns endlich wiedersehen.

(Susanne Möller)
 


Zu Ehren unserer Tochter Yvonne, anlässlich ihres siebzehnten Geburtstages, den sie wegen eines tragischen Verkehrsunfalls am 28.08.2006 leider nicht mehr erleben durfte.

Gerne hätten wir (deine Eltern, dein Bruder, deine Verwandtschaft und deine Freunde) diesen Tag mit dir gemeinsam verbracht. Doch es bleibt nur die Liebe und die Erinnerung an dich, die nie vergehen wird.
 



Du warst es wert
so sehr
geliebt zu werden.
Du bist es wert,
dass so viel
Traurigkeit geblieben ist
an deiner Stelle.

(Gitta Deutsch)

Deine dich immer liebende
Mama


Yvonne
 

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