Julian Roy & Kenneth Marcel

Julian Roy

Julian Roy

*21.08.1993                                           †25.12.1993
 

Das Tränenkrüglein
(Nach Ludwig Brechstein)


Es war einmal eine Mutter, die hatte ein einziges Kind.
Das hatte sie lieber als alles andere auf der Welt.
Da geschah es, dass das Kind plötzlich krank wurde
Und der liebe Gott es zu sich nahm.

Darüber konnte sich die Mutter nicht trösten.
Sie as nichts mehr und sie trank nichts mehr.
Ohne aufzuhören weinte sie bei Tag und bei Nacht
Und rief nach ihrem Kind.

Voll von tiefstem Leid saß sie nun an dem Bettchen,
in dem ihr Kind gestorben war
und sie war schon müde vor lauter Tränen
und ganz matt vor Schmerzen.

Da ging leise die Türe auf.
Die Mutter schrak zusammen,
denn vor ihr stand ihr verstorbenes Kind.
Das war ein seliges Engelchen geworden
Und lächelte süß wie die Unschuld
Und war so schön wie in Verklärung.
Es kam in seinem weißen Totenhemdchen
In dem es in den Sarg gelegt worden war
Und mit seinem Kränzchen auf dem Kopf.
Es trug aber in seinen Händen ein Krüglein,
das war schier übervoll.

Das Kind setzte sich zu der Mutter auf das Bett und sprach
"Oh liebe Mutter, weine nicht mehr um mich!
Schau in diesem Krüglein sind deine Tränen,
die du meinetwegen vergossen hast.
Der Engel der Trauer hat sie in diesem Gefäß gesammelt.
Wenn du nur noch eine Träne um mich weinst,
wird der Krug überlaufen.
Dann wird mein Hemdchen nass
Und ich habe keine Ruhe im Grab
Und keine Seligkeit im Himmel.

Liebe Mutter, weine nicht mehr um mich,
denn es geht mir gut, ich bin glücklich
und Engel sind meine Spielkameraden."

Damit verschwand das tote Kind
Und die Mutter hörte auf zu weinen.
Sie befahl dem lieben Gott ihr Leid
Und trug es still und geduldig.
Sie weinte fortan keine Träne mehr
Und das Kind kam nicht wieder,
sonder lebte im Himmel glücklich und zufrieden.

 



Kenneth Marcel

Julian Roy

*15.08.1998                                           †08.12.1998
 

Der kurze Besuch eines Engels
(aus "Da war es auf einmal so still" von Lind von Keyerslingk)

Es war Abend. Nanina saß in ihrem Bett und sah sich ein Märchenbuch an. Das Bett war ein Klappsofa und gehörte Oma. Nanina war vier Wochen lang bei ihr zu Besuch. Eben kam Oma hinein und brachte einen Schlaftrunk, einen Verveine-Tee. Nanina nahm den Becher und sagte: "Jetzt kommt Mama bald und holt mich ab." "Woher weißt du das denn? Sie hat doch gar nicht angerufen." Nanina verstand nicht warum Oma so komisch fragte. "Ich weiß es eben", sagte sie und schien eifrig das Märchenbuch zu betrachten.

Oma hatte ein feines Gespür für das was wichtig war. "Ich möchte dir gerne eine Geschichte erzählen", sagte sie. Nanina sah ins Märchenbuch.

"Es war einmal ein Engel", begann Oma, "der wollte gerne ein Mensch werden. Aber er wollte auch wieder nicht. Er wollte so gerne zu guten Menschen auf der Erde. Aber er wollte nicht den Krieg und all das Kaputte. Das gefiel ihm nicht so. Darum wollte er nicht. Dann wollte er wieder. Dann wieder nicht. Er konnte sich einfach nicht entscheiden." "Da ging es ihm ja wie mir auch manchmal, wenn ich nicht weiß was ich machen soll", sagte Nanina.

"Der Engel fragte andere Engel, was er machen solle. "Geh mal zu Besuch. Dann wirst du schon sehen", sagten die. Als der nächste Regenbogen kam, ging also der Engel darauf zur Erde. Er ging zu Mama, weil die so nett ist. Es dauerte eine Weile. Es ist nämlich nicht leicht ein Mensch zu werden. Als er dann endlich ein Mensch war, gefiel es ihm nicht. Er merkte, dass er kein richtiger Mensch werden konnte." "Das ist doch aber schade", sagte Nanina. "Und Mama?" "Mama gefiel er. Sie wollte ihn behalten, denn er sah so niedlich aus. Wie ein Engelchen eben. Sie hatte ganz vergessen, dass Besuch nie bleibt. Jeder weiß doch, dass Besuch kommt, mal länger bleibt und dann wieder geht. Der Engel blieb eine Weile, und dann ging er wieder. Da haben Mama und Papa geweint. Der kleine Engel sagte: "Weint doch nicht. Wenn ihr so viel weint, dann kann ich nicht mehr fliegen. Dann sind meine Flügel zu schwer." Aber Mama und Papa mussten trotzdem weinen. Und damit du nicht auch weinst, darum bist du hier bei mir, damit ich dir alles erklären kann."

Nanina rührte in ihrem Tee. "Haben sie denn jetzt aufgehört zu weinen?" fragte sie dann, und ihre Stimme war ganz klein. "Ja", sagte Oma. "Jetzt haben sie verstanden, dass sie für kurze Zeit einen Engel zu Besuch hatten."

Nanina war ganz still geworden. Sie wunderte sich woher Oma das alles wusste. "Bin ich denn kein Engel gewesen?" fragte sie. "Nein", sagte Oma mit ihrer warmen Stimme. "Du bist doch ein Menschenkind. Du gehörst auf die Erde. Aber Engel, weißt du, die kommen und gehen. Sie kommen oft, aber sie können nicht auf der Erde wohnen."

"Ich bin froh, dass du mir alles erzählt hast", sagte Nanina. Oma wusste nicht so ganz was sie davon halten sollte. Sie nahm Nanina den Becher ab und legte das Märchenbuch auf den Tisch. Aber gerade, als sie Nanina noch einmal in den Schoß nehmen wollte, hatte sie sich schon in ihr Kissen gekuschelt und war zufrieden eingeschlafen.

Oma schrieb die Engelgeschichte auf. Als Mama am nächsten Tag kam um Nanina abzuholen, gab Oma ihr die Geschichte mit. Das war für Mama und Papa ein großer Trost, denn nun mussten sie nicht verstummen und nichts verheimlichen, sondern fanden Worte, um auch mit Nanina über alles reden zu können, was sie bewegte.
 

Zu Julian Roys & Kenneth Marcels Gedenkseite



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