Leben ohne Dich - Für Marcel



Eine rote Rose – Gedanken am Grab meines Bruders

Ich stehe vor der mir noch so weit entfernten, unbekannten Tiefe einer ganz anderen Welt, weiß in diesem Moment einfach nicht mehr, was ich denken soll. Ich stehe auf einem Stück Rasen, merke, wie sich die kühle Sommerluft an diesem Nachmittag ausbreitet, höre das Vogelgezwitscher, nehme irgendwie noch wahr, dass ich nicht allein bin, dass die anderen ebenso berührt sind.

Schon in diesem Moment schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich in der kommenden Zeit..., nein, auch in all den kommenden Jahren immer beschäftigen und bedrücken wird: "Mich kann keiner verstehen." Keiner kann meine Gefühle, dieses Durcheinander nachvollziehen, ich selbst kann es einfach noch nicht begreifen.

Eines Tages bin ich unbekümmert aufgestanden, und mein ganzes Leben hat sich auf einen Schlag geändert. Alle Blicke wenden sich mir und meiner Familie zu: "Was erwarten die anderen von mir?" Ich stehe also vor diesem tiefen Loch, Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich höre das Gemurmel und Schluchzen der anderen, mir vertrauten Menschen. Aber einer der wichtigsten mir vertrauten Menschen wird von nun an immer fehlen. Die anderen stehen hinter mir, alle ganz in schwarz, das Wetter dagegen scheint freundlich zu sein.

Ich starre immer noch in das Dunkel, halte ein Stück der lebendigen Natur in der Hand – eine rote Rose. Nur einige Sekunden sind vergangen, die ich beinahe allein verbringen konnte.

Ich öffne meine Hand, und die Rose fällt mit einem dumpfen Ton in das ewige Grab.

Eine Art Abschied, jedoch ohne Wiedersehen. Die anderen gehen einzeln oder zu zweit zum Grab, langsam, mit hängenden Schultern, tief in ihre Gedanken versunken.

Verwandte und Freunde denken wahrscheinlich an gemeinsame Erlebnisse, oder auch einfach nur an sein Aussehen, seine Stimme und sein Wesen.

Dann ist plötzlich alles vorbei. Das Grab wird später zugeschüttet. Er wird wie selbstverständlich von uns genommen. Anschließend werden unsere letzten Geschenke, Blumen und Grüße, die er, wie es von außen scheint, gar nicht sehen oder wahrnehmen kann, auf die Erde gelegt. Eine kurze Weile bin ich nur damit beschäftigt auf die wunderschönen Blumenkränze zu schauen, und spüre, dass ich etwas loswerden muss.

Ich denke an meine hilflosen Freunde und beginne zu denken: Er liebte rote Rosen. Ich wünschte mir, dass er so viele Blumen, wie nur möglich bekommt. Er selbst war für uns wie eine Rose.

Blumen sind schön, aber manchmal merken wir gar nicht, wie schnell eine Blume verwelken kann. Man lernt meistens erst dann denjenigen richtig zu schätzen, wenn er fort ist.

Er hat mir unendlich viel bedeutet.

Ich habe eine Bitte an meine Freunde, lernt eure Geschwister richtig wertschätzen, auch wenn sie zum Alltag gehören und das Leben mit ihnen "nur normal" erscheint. Ob ihr sie liebt, oder hasst, ihr werdet tief im Inneren immer an ihnen hängen. Schätzt eure Brüder. Sie haben euer Blut, ihr seid ein Teil von ihnen, schenkt ihnen Blumen, und zeigt ihnen, wie sehr ihr sie mögt!

Ich schaue zu den vielen Gräbern. Das Grab meines unerwartet verstorbenen Bruders scheint nun nur noch eines von vielen zu sein, und ich denke:

"Versteht ihr, was ich sagen will?"
 



Nie wieder

Lisa war heute mit ihrem Bruder im Kino.

Maria war letzte Woche mit ihrem Bruder in Spanien Urlaub machen.

Sven war gestern mit seinem Bruder baden.

Anna hat sich gestern mit ihrem Bruder gestritten und später wieder versöhnt.

Lilly durfte ihren Bruder umarmen, ein Küsschen geben und ihm zeigen, wie lieb sie ihn hat.

Sie können jederzeit mit ihrem Bruder spielen, lachen, Eis essen, einkaufen, DVD anschauen, Unsinn machen, Musik hören oder fernsehen.

Sie können ihm helfen, sich mit ihnen freuen und ärgern, ihm etwas erzählen oder mit ihm diskutieren.

Sie können jederzeit unbekümmert Spaß haben.

Mein Bruder ist tot.

Ich kann nie wieder mit meinem Bruder ins Kino gehen, nie wieder mit ihm Urlaub machen, nie wieder mit ihm baden, mich nie wieder mit ihm streiten und wieder versöhnen, ihn nie wieder umarmen, ihn nie wieder lieb haben, nie wieder mit ihm reden, ihn nie wieder ein Küsschen geben, nie wieder mit ihm rumtoben, nie wieder mit ihm spielen, nie wieder mit ihm lachen, nie wieder mit ihm Eis essen, nie wieder mit ihm einkaufen, nie wieder mit ihm Unsinn machen, nie wieder mit ihm Musik hören, nie wieder mit ihm fernsehen, ihm nie wieder helfen, mich nie wieder mit ihm freuen oder mit ihm ärgern, ihm nie wieder etwas erzählen, nie wieder mit ihm diskutieren.

Ich kann nie wieder unbekümmert Spaß haben.

Nie wieder.

Mein Bruder ist tot.


Nicole
 



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