Leben ohne Dich - Für Monique

Monique

Monique einen Tag nach ihrer Geburt


Unser Kind wurde am 04.01.1991 um 02:05 Uhr geboren. Sie wog 3150 g und war 51 cm groß.

Sie war ein absolutes Wunschkind. Unsere Familie war komplett. Ich habe noch zwei Kinder aus erster Ehe. Nicki war ein sehr aufgewecktes Kind, gesund und munter. Alles war perfekt bis sie in die Schule kam.

Drei Wochen nach der Schuleinführung hatte Monique den ersten Schulunfall. Sie wurde von einem größeren Jungen eine Treppe hinunter gestoßen. Ich wurde über diesen Sturz nicht informiert. Sie wurde einfach mittags meinem Sohn David mit nach Hause gegeben.

Ihr war schlecht, sie hatte Kopfschmerzen und wurde bewusstlos. Ich rief den Notarzt und wurde mit Nicki ins Krankenhaus gefahren. Der Professor hat den Schädel nicht geröntgt, es wäre nichts.

Ungefähr eine Woche später fing Nicki an sich zu verändern. Sie veränderte ihre Gliedmaßen, sie wurde schnell aggressiv, hatte in großen Abständen fürchterliche Kopfschmerzen und hatte Aussetzer. Das heißt, sie wusste nicht wer sie ist, wer wir sind usw. Wir sind zum Arzt und keiner hat etwas getan.

Es konnte ja nicht sein, es war ja nur eine leichte Gehirnerschütterung. Durch den Treppensturz musste Nicki dann im Dezember 1997 in eine Lernbehindertenschule wechseln. Immer wieder kamen diese schlimmen Kopfschmerzen.

Im Mai 1998 musste Monique in ein Reha-Zentrum im Harz. Dort wurde festgestellt, dass sie am Hirnstamm Blutungen hatte und dass sie spastisch war. Wir waren so geschockt, so dass ich gleich am nächsten Tag zur Schule ging. Dort hat man angeblich nichts gesehen und auch nichts gehört. Eine Unfallmeldung wurde auch nicht gemacht.

Im Oktober durfte Monique von der Reha wieder nach Hause. Uns wurde gesagt, dass Nicki nicht wieder gesund werden wird. Es könnte so bleiben wie es ist oder auch schlimmer werden.

Es wurde nicht besser. Irgendwie mussten wir auch lernen mit Nicki umzugehen. Manchmal sind wir schon an unsere Grenzen gestoßen.

Am 07.01.2003 hatte sie in der Schule einen weiteren bösen Unfall. Sie ist gegen eine Wand geschubst worden und wurde bewusstlos. Als wir in der Schule ankamen, fanden wir unsere Tochter allein auf der Toilette. Sie lag da, hatte sich übergeben und war auch nicht ansprechbar. Wir sind ins Krankenhaus gefahren und diesmal wurde ein MRT gemacht um weitere posttraumatische Hirnstammverletzungen auszuschließen.

Eine Woche blieb sie im Krankenhaus. Nach ihrem Weggang habe ich erfahren, dass man eine Angiographie gemacht hat. Das ist eine Untersuchung mit Kontrastmittel am Kopf. Man sagte auch, dass man das bei Kindern nicht macht weil sie daran sterben können.

Durch diesen Unfall haben sich alle Symptome bei Monique verschlimmert. Sie musste ab Februar 2003 in eine Schule für geistig und körperlich Behinderte. Mit dieser Schule ist unsere Tochter am 01.09.03 auf eine Klassenfahrt, für eine Woche. Sie war in Anführungszeichen so gesund, dass sie noch nicht mal einen Infekt hatte.

Monique

Am 02.09.2003 haben die Lehrer mit den Kindern eine Nachtwanderung gemacht. Alle Kinder waren wie gesagt behindert. Sie sollten 82 m in einen Waldweg hinein laufen, abends um 21:45 Uhr.

Das obere Stück vom Weg war sehr, sehr steil. Es war keine Beleuchtung vorhanden, der Weg war mit sehr großen Wurzeln übersäht. Alle Kinder haben sich bestimmt gefreut. Ob sie die Gefahr überhaupt einschätzen konnten, wage ich zu bezweifeln.

Unsere Tochter hat sich sogar vorgedrängelt und ist als dritte losgelaufen. Als sie nach einer gewissen Zeit nicht im Ziel war, begann man zu suchen. Man fand Monique auf der Hälfte vom Weg, da war sie schon tot. Keiner hat irgendetwas gehört, keinen Schrei, kein Stöhnen, kein Rufen.

Ein Notarzt wurde gerufen, aber auch er hat trotz Reanimation nur noch den Tod festgestellt. Eine Klassenkameradin hat gesehen wie unsere Tochter beim Loslaufen etwas auf den Kopf bekommen hat, gestolpert ist und den Berg heruntergekullert ist.

Als wir am nächsten Tag die Todesnachricht von der Polizei erhielten, brach bei uns alles zusammen. Es konnte doch nicht sein, Nicki war am Vortag als sie weg fuhr quicklebendig und voller Freude. Ich hoffte immer, dass ich munter werde und alles nur ein böser Traum war.

Drei Tage später haben wir in der Pathologie Abschied nehmen können. Sie lag da als ob sie schlief. Ich war erleichtert und bin zu ihr. Ich habe sie geschüttelt, gestreichelt und gerufen, aber sie wollte mich nicht mehr sehen. Mein Mann ist in den Sarg gefallen, er konnte es auch nicht fassen.

Monique

Ich weiß nicht so richtig was dann weiter passierte. Mir fehlen 1 ½ Jahre. Ich weiß nur, dass ich versucht habe ihren Tod aufzuklären. Es gab, laut Obduktionsbericht, angeblich keine Todesursache, aber ein ganz dominantes Hirnödem. So ein Ödem bekommt man durch Schlag, Hieb oder Sturz sagen die Ärzte und die Polizei.

Keiner hat bis heute, ob Staatsanwaltschaft, Kultusministerium und Polizei versucht, den Tod unserer Tochter aufzuklären. Im Gegenteil: ich habe in den 5 Jahren vier Morddrohungen erhalten, man hat das Grab unserer Tochter dreimal geschändet, unsere Autoreifen wurden zerschnitten, ich bekam Drohanrufe usw. Im Kultusministerium wurde mir immer gesagt, dass ich nie die Wahrheit erfahren werde und mir nicht geholfen wird.

Ich vermisse unser Kind unendlich, ich habe sie seit Jahren Tag für Tag vor Augen. Sie schaut mich ganz traurig an weil ich auf der ganzen Linie versagt habe. Am offenen Sarg habe ich ihr versprochen, ihren Tod aufzuklären. Ich kann nicht aufhören zu kämpfen und ich will sie auch nicht loslassen. Ich will mein Kind wiederhaben.

Es sind viele Fehler gemacht worden seitens der Behörden. Man soll doch sagen was passiert ist. Ich kann sowieso kein normales Leben mehr führen.


Monique


Monique


Über Familie

Wenn man so einen schweren Schicksalsschlag erleben muss, merkt man wer Freund und Feind ist. Es ist klar, dass man sich verändert, man lacht nicht mehr, man zieht sich zurück und fragt sich immer wieder, warum gerade unser Kind.

Ganz schnell haben wir gemerkt, dass man sich von uns zurückzieht, man fragt nicht mal wie geht es euch, man geht eben ganz schnell wieder zum Alltag über.

Unsere Monique wurde auch schon zu Lebzeiten nicht besonders gemocht, weil sie sich durch die Unfälle so verändert hat. Sie hat es auch gemerkt, dass man sie ablehnte. Trotzdem war sie ein sehr nettes, freundliches und liebevolles Wesen.

Nicki hing sehr an ihrem Papi und umgedreht auch. Mein Mann hat unser Kind immer behütet und beschützt wenn er merkte, dass man sie wieder ablehnte. Man versteht auch nicht, dass man immer noch trauert, dass man um Gerechtigkeit kämpft. Man versteht es einfach nicht. Dadurch kann man mit niemanden reden, man kann sich an niemanden wenden, weil keiner einen versteht.

Wir haben mittlerweile gelernt nur noch für uns da zu sein und irgendwie zu begreifen, dass wir ohne Nicki leben müssen. Für mich ist sie immer da. Es tut nur so unheimlich weh, wenn man alles allein bewältigen muss, ohne Freunde und Familie.
 



Für unsere geliebte Tochter

Sechs Jahre müssen wir nun schon ohne dich leben. Wie ich das geschafft habe weiß ich nicht. Ich habe noch einmal versucht deinen Tod aufzuklären, ich habe noch einmal versucht die Verantwortlichen zur Rede zu stellen, dass man endlich sagt was in der Nacht passiert ist.

Warum war deine Klassenlehrerin so verantwortungslos und hat mit euch diese Nachtwanderung gemacht? Niemals hätten wir zugestimmt. Warum wird keiner deiner 3 Schulunfälle anerkannt? Hat man Angst, dass eventuell doch die Wahrheit rauskommt? Es wird nach wie vor geschwiegen. Es ist so als hätte es dich gar nicht gegeben.

Du meine geliebte Tochter wurdest vergessen. Ich habe bis zum heutigen Tag nicht ins Leben zurückgefunden. Ich habe keine Kraft mehr, bin nur noch müde und schlapp. Lachen ist für mich ein Fremdwort geworden, ich kann es nicht. Ich bin EU-Rentnerin seit September.

Überall sehe ich dich, rieche ich dich. Warum bist du gegangen, warum konntest du nicht bleiben?

Ich vermisse dich unendlich. Manchmal möchte ich zu dir kommen, aber ich darf nicht. Vati braucht mich. Ich brauche dich, mein geliebtes Kind. Ich liebe dich.

Deine Mammi
 



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