Leben ohne Dich - Für Stefan


Stefans Geschichte

Am 21. September 1981 wurde unser Sohn Stefan in Andernach geboren. Es war eine relativ leichte Geburt. Als er sich erst mal entschlossen hatte, auf die Welt zu kommen, sollte es natürlich schnell gehen. Ich sage das nur, weil im zweiten Monat der Schwangerschaft Blutungen auftraten, so, als wollte er noch überlegen, ob er jetzt schon auf diese Welt kommen wollte.

Nun war er da, unser Sohn, unsere Liebe, unser Herz. Er sah ganz anders aus als alle anderen Babys, nicht so rot und runzelig, sondern er hatte eine glatte, helle Haut. Im Krankenhaus sagte man uns, er ist kerngesund. So konnten wir unseren Sonnenschein mit nach Hause nehmen. Bei der ersten U3-Untersuchung bei der Kinderärztin bekamen wir dann mitgeteilt, warum unser Sohn eine so helle Haut bei der Geburt hatte. Die Ärztin äußerte den Verdacht, dass Stefan einen Herzfehler haben könnte, was wir aber nicht wahrhaben wollten, da man uns im Krankenhaus doch gesagt hatte, Stefan sei kerngesund.

Natürlich sind wir dann mit Stefan nach Bonn in die Uniklinik gefahren, wo man ihn nach stundenlangen Untersuchungen direkt auf die Intensivstation gelegt hatte. Der behandelnde Arzt teilte uns mit, dass die Kinderärztin, Frau Dr. Pudelko-Groh aus Andernach, ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat, weil er lebenswichtige Medikamente gebraucht hatte. Wir möchten uns deshalb nochmals bei Frau Dr. Pudelko-Groh bedanken, sonst hätten wir damals unser Kind schon hergeben müssen.

Nach 14 Tagen konnten wir Stefan nach Hause holen. Er war medikamentös eingestellt worden, musste aber sehr oft wieder in die Klinik. Stefan hatte ein Loch in der Hinterwand des Herzens, was nicht von alleine zuwächst.

Mit knapp einem Jahr wurde er notoperiert, er war mittlerweile zu schwach, um seine Flasche zu trinken und wäre somit fast verhungert. Der Professor sagte uns nach der Operation, es wäre ein kleines Wunder gewesen, dass er das geschafft habe. Stefan musste schon sehr viele Schutzengel gehabt haben.

Zwei Tage vor seinem 3. Geburtstag wurde Stefan von einem Auto angefahren, weil er sich von der Hand seines Vaters losgerissen hatte, da er auf die andere Straßenseite zu mir laufen wollte. Wieder ein Schutzengel, er hatte nicht mal einen Kratzer.

Mit 6 Jahren, kurz vor seiner Einschulung, bekam unser Sohn eine seltene Blutkrankheit. Rote Blutkörperchen traten aus seinem Körper aus. Er musste 9 Wochen im Krankenhaus bleiben und durfte sich nicht bewegen, sonst hätte sich die Krankheit verschlimmert. Alles gut gegangen, wieder hat ein Schutzengel aufgepasst.

Mit 16 Jahren hatte Stefan eine schwere Angina mit 42° C Fieber, es ging ihm sehr schlecht. Geschafft, noch ein Schutzengel.

In der Schule galt Stefan als faul. Er tat nur das, was nötig war, um weiterzukommen. Er hatte anderes zu tun. Ob er da schon wusste, wie kurz sein Leben sein würde? Fußball spielen, Freunde treffen, Musik machen, das war ihm wichtig. Trotzdem schaffte er die Mittlere Reife und fing eine Lehre als Chemikant an.

Für unseren Sohn hatte der Tag mit 24 Stunden nicht genug, er war immer und überall anzutreffen, rief einer an und hatte Probleme, Stefan war da. Und trotz aller Hektik, für einen Kuss, eine Umarmung, ein Lächeln, war immer Zeit. Wir erinnern uns, als wir von einem 14-tägigen Urlaub aus der Türkei zurück kamen, stiegen wir aus dem Auto und wollten zur Haustüre reingehen, um erst einmal die Koffer abzustellen. Das dauerte Stefan aber zu lange. Er sagte: "Hey, Moment mal", nahm uns in den Arm, drückte uns und sagte: "Bin ich froh, dass ihr wieder da seid."

Stefan widmete sehr viel Zeit seinen Gesangsstunden, nahm eine eigene CD auf, ein Plattenvertrag war in Aussicht gestellt. Er spielte fantastisch Schlagzeug. In seinem Musikverein war er 2. Corpsführer und spielte da Fanfare und Trommel. Zwischendurch spielte er Fußball, Dart im Verein und hatte eine Freundin. Die ganz große Liebe: Anna. Sie hat ihn verändert, er schwebte seitdem immer irgendwie auf den Wolken. So wohl auch an dem Tag, der unser Leben total veränderte. Alles begann wie immer, nichts deutete darauf hin, dass etwas passiert. Wir gingen zur Arbeit, tranken nachmittags Kaffee und fuhren abends zur Musikprobe von unserem Fanfarenzug. Da Stefan sich ein paar Tage vorher die Finger in einer Autotür geklemmt hatte, spielte er an dem Abend Fanfare. Wir lachten noch viel und faxten noch so rum. Danach fuhren wir, jeder in seinem Auto, nach Hause. Als wir zu Hause ankamen, stieg mein Mann aus und ging schon zur Tür. Ich wollte noch das Auto parken. In der Zeit fuhren Stefan und Anna in getrennten Autos an uns vorbei, sie wollten die Nacht bei Anna verbringen. Stefan rief seinem Vater noch etwas zu und winkte, mir warf er einen Kuss zu und zwinkerte mit dem linken Auge. Er hatte ein strahlendes Lächeln im Gesicht, wie so oft in den letzten Wochen.

15 Minuten später klingelte das Telefon. Anna teilte uns, völlig außer sich, mit, dass Stefan einen Unfall hatte. Ich hörte nur Annas Stimme, die immer wieder rief: "Es tut mir leid, es tut mir leid." Jemand anderes übernahm dann das Telefon und teilte mir mit: "Wir müssen ihren Sohn aus dem Auto schneiden. Es sieht nicht gut aus, rechnen Sie mit dem Schlimmsten." Nachdem er noch mitteilte, wo der Unfall passierte, brach er das Gespräch ab.

Wir fuhren natürlich sofort zur Unfallstelle und sahen schon von weitem die Absperrung der Polizei. Nachdem wir unser Auto abgestellt hatten, gingen wir zu dem Polizisten und fragten, wo der Unfall wäre, da unser Sohn einer der Beteiligten sei. Er wollte uns nicht durchlassen, da wir ja nicht wissen könnten, dass es unser Kind sei. Nachdem wir ihm erklärten, dass seine Freundin uns angerufen hatte und wir jetzt zu unserem Sohn wollten, sagte er, wir sollen warten, er würde erst mit seinen Leuten vor Ort sprechen. Danach wollte er uns immer noch nicht gehen lassen. Ich fragte ihn, was er tun würde, wenn es sein Kind wäre, was da am Unfallort ist, ob er sich dann von jemandem aufhalten lassen würde. Er verneinte und meldete sich noch mal bei seinen Kollegen. Danach erlaubte er uns, nur zu Fuß zum Unfallort zu gehen. Da wussten wir noch nicht, dass das erst nach 8 km so weit sein würde. Wir marschierten los und hatten Glück, dass nach ca. 30 Metern ein Gasthof war, aus dem ein Gast mit seinem Auto kam und den Unfall in der anderen Richtung vermutete. So fuhr der Fahrer genau auf uns zu. Mein Mann hielten Fahrer an und fragte ihn, ob er uns wohl mit zur Unfallstelle nehmen würde. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, uns mitzunehmen. Dafür möchten wir hier auch noch mal danke sagen.

Die ganze Strecke bestand nur aus Serpentinen, und wir glaubten, dass es irgendwo in einer der Kurven passiert sein musste. Doch je mehr Kilometer wir fuhren und nichts kam, konnten wir es nicht fassen, dass der Polizist uns diese Strecke zu Fuß hat gehen lassen. Dann am Ende der kurvenreichen Strecke, auf einer ganz langen geraden Straße sahen wir die vielen Lichter von Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen.

Als wir aus dem Auto stiegen, sahen wir in die entsetzten Gesichter der Rettungsleute. "Wo kommen die denn her", schienen ihre Gesichter zu sagen. Gleich wurden wir von mehreren Personen umzingelt und konnten keinen Schritt mehr tun. Wir sagten ihnen, dass das unser Sohn wäre, der da verunglückt sei und dass wir zu ihm wollten. Das ginge jetzt nicht, sagte man uns. Der Notarzt würde noch an ihm arbeiten, und wir dürften da jetzt nicht stören. Sollte sich was ergeben, würde man uns Bescheid geben, so lange sollten wir in einem Rettungswagen warten. Wir gingen auch in so einen Wagen hinein, noch total geschockt von dem Bild, das sich uns dort bot. Wir sollten uns setzen. Man bot uns ein Beruhigungsmittel an, was wir aber ablehnten. Wir konnten auch nicht in dem Rettungswagen warten, da wir glaubten, darin keine Luft mehr zu bekommen. Kaum hatten wir das Auto verlassen, wurden wir schon wieder umstellt, wie Schwerverbrecher. Wir konnten keinen Schritt machen, ohne dass sich der Kreis um uns lockerte. Auf meine Bitte hin, doch zur Freundin von Stefan gehen zu dürfen, hieß es, das würde nicht gehen, weil ich dann den ganzen Unfallort überqueren müsste. Es drängte sich uns immer mehr der Gedanke auf, dass hier was nicht stimmte. Eine Stunde lang, voller Angst, voller Hoffnung, betend warteten wir. Unser Gott hat uns unseren Sohn geschenkt, er hat uns so oft geprüft, er kann uns doch jetzt nicht unser Liebstes nehmen. Er konnte.

Um kurz nach 22 Uhr kamen drei Personen auf uns zu, einer sprach zu uns: "Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn verstorben ist." Ich sage drei Personen, weil ich ihnen nicht ins Gesicht sehen wollte, dachte wohl, wenn ich sie nicht ansehe, ist alles nicht wahr, die meinen nicht uns. Es war der Seelsorger, weshalb wir eine Stunde warten mussten, denn unser Sohn war auf der Stelle tot. Bei ihm waren der Polizeihauptmeister und der Notarzt. Mein Mann sah den Polizisten ins Gewicht, hörte, wie er sagte, "Ihr Sohn ist verstorben", hört es auch heute noch immer und immer wieder. Aber haben wir es auch verstanden? Es hallt immer in deinem Kopf: "Nein, nein, nein!"

Irgendwann löste ich mich aus der Umarmung mit meinem Mann, drehte mich um und fragte den Arzt: "Kann ich meinen Sohn sehen, sieht er schlimm aus?" Ich wollte doch nur wissen, was ihm fehlt, warum kommt er nicht zu mir und sagt: "Mama, alles nicht so schlimm, das wird schon wieder." Stattdessen sagte der Arzt: "Ihr Sohn hat schlimme Kopfverletzungen" und durch die Versuche, ihn zu reanimieren, wäre sein Kopf um ein Vieles angeschwollen, wir sollen uns diesen Anblick ersparen und ihn so in Erinnerung behalten, wie er war. Auch der Seelsorger und auch der Polizist drängten uns nun dazu, ihn nicht mehr zu sehen.

Diese fremden Menschen, dieser Ort, dieses Umzingelt-Sein, immer wieder die Hand des Seelsorgers auf meiner Schulter, die innere Stimme, die sagt: "Ich will hier weg, nach Hause, da, wo alles in Ordnung ist, da, wo mein Kind bestimmt auf uns wartet, unsere Familie, die uns sagt: Es ist alles nicht wahr, es war ein Irrtum. Stefan geht es gut. Nur weg." Das war alles, was ich noch denken konnte. Im guten Glauben, dass so gut ausgebildete Polizisten, Seelsorger, Notärzte schon richtig handeln, wenn sie uns sagten, geht nicht mehr zu ihm, behaltet ihn so in Erinnerung, wie ihr ihn zum Schluss gesehen habt, fuhren wir mit unserer Familie die mittlerweile angekommen war, um uns abzuholen, nach Hause. Dorthin, wo wir uns sicher fühlten, beschützt, geliebt. Doch dann war alles anders. Stefan war nicht zu Hause. Er kam auch nicht, er kam nie mehr.

Heute wissen wir, wir hätten damals zu Stefan hingehen müssen, um uns von ihm zu verabschieden, das haben wir nicht gemacht, weil wir glaubten, alle haben uns davon abgeraten, so ist es wohl am besten. Aber das stimmt nicht, es verfolgt dich, es tut weh. Wir hätten ihn gern noch mal gedrückt und geküsst, ihm gesagt, wie sehr wir ihn lieben. Vorbei, unwiederbringlich vorbei. Damit müssen wir jetzt fertig werden.

Wochen später waren wir in der Polizeidienststelle in Straßenhaus. Der Chef der Polizei wollte uns über den Unfallhergang aufklären. So richtig erklären konnte er uns nicht, warum Stefan auf einer geraden Straße sein Steuer verriss und somit ins Schleudern kam. Vielleicht wurde er durch etwas abgelenkt oder ist irgendetwas ausgewichen. Der Wagen schleuderte auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einem entgegenkommenden Wagen, der nicht mehr ausweichen konnte. Dem Fahrer ist Gott sei Dank, außer ein paar Prellungen und den Schock, nichts passiert. Durch den Aufprall schob sich die Beifahrerseite 80 cm in die Fahrerseite unseres Sohnes Stefan. Er hatte keine Chance. Als wir dann dem Polizisten mitteilten, dass wir uns Vorwürfe machen würden, weil wir uns nicht von Stefan verabschiedet hätten und sie uns doch besser zu ihm gelassen hätten, antwortete er: "Was glauben Sie, was Sie da gesehen hätten. Nehmen Sie eine Poularde aus der Truhe, tauen sie die auf, fassen sie die Poularde an, dann wissen Sie, wie sich Ihr Sohn angefühlt hätte."

Wir hätten Hilfe gebraucht, Mitgefühl, Verständnis. Stattdessen wurden wir allein gelassen mit unserem Schmerz.


Worte an Stefan:

Dass Du von uns gegangen bist, in eine andere Welt, ist für uns immer noch schwer zu verstehen, jedoch wirst Du immer bei uns sein. Immer in unserem Herzen wohnen. Wir lieben Dich so sehr.

Mama und Papa
 

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