Leben ohne Dich - Für Younes


Younes


Mein kleiner Sohn Younes

Diese beiden ersten Bilder sind 1 Woche vor seinem Tod entstanden. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, dass ich ihn unbedingt fotografieren müsste, so richtig schön beim Fotografen. Wobei die Fotografen hier in Tunesien leider nicht so fit sind wie die in Deutschland. Aber es sind schöne Fotos von meinem kleinen Liebling geworden.
 

Younes


Ich habe 5 Söhne. 4 lebende und ein totes Kind Younes. Glaubt mir, viele sagen warum trauerst Du so um dieses Kind, Du hast doch noch genug Kinder. Es geht doch nicht um die Menge, oder? Eine Frau hat mal gesagt: Und selbst wenn man 1000 Kinder auf die Welt bringt, kannst Du niemals eins mit dem anderen vergleichen oder ausgleichen.

Die Geschichte

Younes wurde am 27.04.2001 in Tunesien, Monastir, als mein viertes Kind geboren. Die Schwangerschaft war wundervoll, die Geburt hat sich durch den Wehentropf etwas verzögert. Ein gesundes Kind mit unglaublichen 58 cm, das eben nur schielte. Ein ruhiges Kind, hat gut gegessen und getrunken und viel geschlafen. Egal wann er aufwachte, er weinte nie sondern stand immer mit einem Lachen auf.

In der Entwicklung hinkte er anderen Kindern gleichen Alters hinterher, aber ich dachte, das wird sich schon irgendwann ausgleichen. Mit der Zeit wurde er immer fitter und als er 6 Monate alt war, fingen wir an mit ihm zu den Augenärzten zu gehen. Es wurden Kopfuntersuchen gemacht um zu sehen, ob alles mit seinem Gehirn in Ordnung ist, gescannt etc etc.

Alles in bester Ordnung. Ein Sehfehler kam heraus und man verschrieb ihm eine Brille. Auf einmal machte er Riesenfortschritte und wollte bereits lernen zu laufen mit etwa 18 Monaten. Der kleine Mann hatte vorher einfach nur Angst weil er das alles nicht so richtig erkennen konnte. Auch das eine schielende Auge fing an sich immer weiter zu verbessern und sich in die Mitte zu schieben.

Mein kleiner Spatz hatte ständig einen Pilz. Im Mund oder am Po. Wir behandelten ihn dahingehend und ich muss sagen, dass ich diesem Kinderarzt vertraute, zumal er alle meine Kinder betreut hatte und wir beinahe Freunde waren. Ich mochte diese vielen Antibiotika zwar nicht, aber danach ging es meinem kleinen eigentlich immer gut.

Die letzten zwei Wochen war er ständig krank. Zwei Tage ging es ihm gut, dann bekam er Fieber und der Arzt spritzte ihm was, dann ging es ihm wieder zwei Tage gut und er bekam wieder Fieber usw. Er erbrach und hatte Durchfall und ich weiß nicht warum ich so blind war, diese Zeichen nicht zu erkennen.

Am letzten Tag stieg sein Fieber unglaublich an. Wir fuhren ins Krankenhaus und dort gab man ihm eine Spritze gegen Fieber. Es sank aber nicht. Sein Körper war so unglaublich heiß und seine Händchen und Füße waren eiskalt. Die Lippen blau. Ich rief den Arzt an und sagte ihm das, und er meinte ich solle mich nicht so anstellen, die Medizin braucht Zeit um zu wirken. Also ging es so den ganzen Tag. Wie immer schlief er viel und es schien im wirklich besser zu gehen. Er trank an diesem Tag viel Wasser und ich dachte mir, gestern hat er auch sehr gut gegessen, also brauche ich mir keine Gedanken vor Austrocknen oder Ähnlichem zu machen.

Gegen Abend schlief er ständig auf meinen Armen ein und wachte auf und seine Augen konnte er nicht mehr richtig schließen. Ich dachte mir, vielleicht braucht er ein wenig Ruhe und mein Mann legte ihn in sein Bettchen. Vorher nahm er noch seinen Sirup gegen den Durchfall und sah mich ganz lieb an. Etwa eine Stunde später sah sein Vater nach ihm und brachte ihn mir. Er sah furchtbar aus. So klein wie geschrumpft und dunkel. Wir riefen den Arzt an und er kam und meinte schnellstens ins Krankenhaus. Dort angekommen suchten sie in seinem Körper nach einer Ader und popelten in seinem Arm und seinen Füßen, um eine Ader zu finden, aber die waren schon eingeschrumpft. Durch Wassermangel. Der Kinderarzt meinte noch immer: Keine Sorge es geht ihm besser als anderen.

Mein kleiner Schatz hat das alles mitbekommen und hat nur seinen Papa angeguckt und immer Baba Baba gesagt. Ich wartete draußen und konnte dabei nicht zugucken.

Also ganz schnell in das 20 Minuten entfernte Krankenhaus in Monastir. Im Krankenwagen sah mich mein Kleiner an, direkt in die Augen und sagte: Mama Mama. Dann wurde er ohnmächtig. Dort angekommen...

Die Ärzte in Tunesien ... ohne Kommentar.

Mein Kleiner kam auf die Kinderintensivstation und wurde wiederbelebt. Der Kinderarzt war gar nicht erst mitgefahren. So ein feiger Hund. Man sagte mir, dass das Gehirn meines kleinen Lieblings schon seit mehr als einer Viertelstunde tot sei. Und ich meinte, das kann doch nicht sein, er hat doch noch mit mir gesprochen.

Mein Schatz ist an Austrocknung gestorben. Man sagte mir dort, ein Baby mit Durchfall und Erbrechen muss spätestens nach 6 Stunden in ein Krankenhaus. Ich habe das nicht gewusst. Und ich war an diesem Tag in der Notaufnahme, beim Kinderarzt und noch einmal in der Notaufnahme und alle sagten mir: Das ist ein Virus, das geht vorbei, das bleibt drei Tage usw. Haben das alle nicht gewusst???

Hier in Tunesien darf man nicht bei seinen Kindern im Krankenhaus bleiben und sie schickten uns nach Hause. Mittlerweile war es 3:00 Uhr nachts. Ich machte meinen ältesten Sohn wach und rief meine Mutter in Deutschland an. Sie nahm sofort den nächsten Flug. Mein Mann rief seine Schwestern an und eine der Töchter kam zu uns um auf die anderen Kleinen aufzupassen.

Wie in Trance fuhren wir zurück gegen 4:30 Uhr und wieder schickte man uns nach Hause. Niemand wollte uns richtig Auskunft geben und wenn ich mich hinein stahl und meine Maus durch das Fenster ansah, dann haben irgendwelche Ärzte an ihm herumgefingert. Hätte ich gewusst, dass sie ihn reanimieren, hätte ich das nicht zugelassen. Meine Maus hat es verdient in Würde zu sterben. In meinen Armen. Aber sie haben ihn mich nicht mal anfassen lassen. Gegen 11:00 Uhr sind wir wieder hin und ein Arzt hat mit uns gesprochen, konnte uns aber nicht ins Gesicht sagen, dass mein Schatz bereits um 10:30 Uhr von uns gegangen ist. Er sagt uns, er wäre in einem starken Koma und er würde nicht mehr aufwachen und wenn, wäre er stark behindert. Ich meinte es wäre mir egal. Hauptsache mein Baby ist bei mir. Nun Ja am Ende des Gespräches baten wir ihn doch wenigstens den Kleinen mal sehen zu dürfen und er erlaubte es uns. Wir gingen hinein und ich küsste ihn und sagte ihm: Auf Wiedersehen. Um dann auf mich zu schimpfen und zu sagen wieso ich mich von ihm verabschiede wo er doch noch lebt. Aber er war ja schon tot. Wahrscheinlich habe ich es gefühlt. Mein Mann fragte noch warum die Anzeige der Herztonmaschine nicht mehr an ist, und der Arzt sagte, nur die Batterie wäre kaputt. Ich deckte seine Fingerchen zu, denn sie waren kalt. Dann sind wir nach Hause und der Arzt sagte leise zu meinem Mann: Das nächste Mal kommen sie bitte ohne ihre Frau.

Wir fuhren also nach Hause und dort blieb ich dann mit Familienangehörigen, die gehört hatten, dass Younes krank ist und mein Mann fuhr noch einmal in das Krankenhaus.

Das Zimmer war leer.

Mein Mann rannte hin und her und man sagte ihm dann, der kleine Körper liege bereits in der Leichenhalle. Mein Schatz mit all diesen toten leblosen Körpern.

Er holte ihn, setzte ihn neben sich und fuhr mit ihm zu all den Stellen, an denen wir mit ihm waren. Gott war bei ihm, denn auf dieser Fahrt ist ihm nichts geschehen. Er war wie in Trance.

Er brachte mir seinen kleinen Körper und er hat gelächelt. Wirklich gelächelt. Ich hoffe, zuletzt hat er etwas Schönes gesehen und dass er da oben viele Freunde hat, die ihn hoffentlich nicht ärgern weil er schielt. Davor hatte ich immer Angst. Man weiß, wie grausam Kinder sein können. Jetzt hänselt ihn hoffentlich niemand.

Es tut so weh.

Hier in Tunesien bewahrt man die Toten zuhause auf. Die letzte Nacht schlief er bei uns im Schlafzimmer, wir neben ihm. Sein kleiner Körper war so kalt. Ich deckte ihn mit seiner Decke zu und legte im seine Spieluhr hin, aber er war so schrecklich kalt.

Am nächsten Morgen wurde er von einem Mann gewaschen. Ein männlicher Toter wird immer von einem Mann gewaschen und eine Frau von Frauen. Ich bat darum, ihn noch einmal überall küssen zu dürfen, und man erlaubte es mir, aber nur ohne Tränen.

Dann wurde er in weiße Laken gehüllt und auf einem Schafsfell herausgebracht. Eigentlich fangen dann alle Frauen an zu schreien. Aber da ich nicht schrie, hielten sich auch die Frauen zurück. Ich wollte nicht, dass mein Kind sich erschreckt und mit Schreien seinen letzten Weg geht. Frauen dürfen bei der Beerdigung nicht dabei sein, also blieb ich zuhause. Ich habe nie gesehen wie sie ihn in seine kalte Gruft gelegt haben. Ich hoffe nur es ist warm dort.

Man sagt hier, die Toten kommen aus den Gräbern und haben ihr eigenes Leben wie wir. Jedes mal wenn wir auf den Friedhof gehen, fegt sein Vater seinen Platz: Damit mein Sohn spielen kann ohne schmutzig zu werden. Die Leute lachen über uns, aber das ist alles was wir noch für ihn tun können.

Ich wurde schnell darauf wieder gewollt schwanger. Meine Hände waren so leer nach seinem Tod. Da er ja immer noch nicht lief, trug ich ihn immer auf meiner Hüfte.

Mein kleiner Elias ist mein ganzer Sonnenschein und ich glaube, er hat mir geholfen mich in der Schwangerschaft zusammen zu reißen und nicht verrückt zu werden. Und doch.

Niemals ist er ein Ersatz für den Engel, den ich verloren habe.

Es ist als ob meine Seele nicht mehr bei mir ist. Ich habe ihn so sehr geliebt. Mehr als alles andere. Und nicht nur weil er tot ist, schon vorher.

Manchmal merke ich wie er uns besucht. Mein Schatz hatte einen ganz eigenen Geruch und der wird manchmal so stark. Nicht nur ich bemerke ihn, auch andere. Und trotzdem kann ich ihn nicht anfassen. Das finde ich am Tod eines geliebten Menschen am schlimmsten. Nie mehr berühren.

Ich liebe Dich, mein Schatz, und ich freue mich unendlich auf den Tag, an dem wir uns wiedersehen.

Deine Mama
 



An meinen Sohn Younes

Als Du geboren wurdest,
brach die Morgendämmerung an
und die Sonne stieg langsam auf
und unsere Welt wurde warm
und hell
und unsere Herzen wurden mit Liebe gefüllt.

Jetzt bist Du nicht mehr da
aber Du,
unsere kleine Morgendämmerung,
wirst immer auf uns scheinen,
uns wärmen
und unsere Herzen mit Liebe erfüllen.

Ich hoffe es geht Dir gut, meine kleine Morgensonne.


Younes
 



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